Schöpfungslieder
Heinrich Heine · 1797–1856
83 Zeilen in 18 Strophen · zuerst gedruckt 1844
Im Beginn schuf Gott die Sonne,Dann die nächtlichen Gestirne;Hierauf schuf er auch die Ochsen,Aus dem Schweiße seiner Stirne.
Später schuf er wilde Bestien,Löwen mit den grimmen Tatzen;Nach des Löwen EbenbildeSchuf er hübsche kleine Katzen.
Zur Bevölkerung der WildnißWard hernach der Mensch erschaffen;Nach des Menschen holdem BildnißSchuf er intressante Affen.
Satan sah dem zu und lachte:Ey, der Herr kopiert sich selber!Nach dem Bilde seiner OchsenMacht er noch am Ende Kälber!
II.Und der Gott sprach zu dem Teufel:Ich der Herr kopier’ mich selber,Nach der Sonne mach’ ich Sterne,Nach den Ochsen mach’ ich Kälber,Nach den Löwen mit den TatzenMach’ ich kleine liebe Katzen,Nach den Menschen mach’ ich Affen;Aber du kannst gar nichts schaffen.
III.Ich hab’ mir zu Ruhm und Preiß erschaffenDie Menschen, Löwen, Ochsen, Sonne;Doch Sterne, Kälber, Katzen, Affen,Erschuf ich zu meiner eigenen Wonne.
IV.Kaum hab’ ich die Welt zu schaffen begonnen,In einer Woche war’s abgethan.Doch hatt’ ich vorher tief ausgesonnenJahrtausendlang den Schöpfungsplan.
Das Schaffen selbst ist eitel Bewegung,Das stümpert sich leicht in kurzer Frist;Jedoch der Plan, die Ueberlegung,Das zeigt erst wer ein Künstler ist.
Ich hab’ allein dreyhundert JahreTagtäglich drüber nachgedacht,Wie man am besten Doctores JurisUnd gar die kleinen Flöhe macht.
V.Sprach der Herr am sechsten Tage:Hab’ am Ende nun vollbrachtDiese große, schöne Schöpfung,Und hab’ alles gut gemacht.
Wie die Sonne rosengoldigIn dem Meere wiederstralt!Wie die Bäume grün und glänzend!Ist nicht Alles wie gemalt?
Sind nicht weiß wie AlabasterDort die Lämmchen auf der Flur?Ist sie nicht so schön vollendetUnd natürlich die Natur?
Erd’ und Himmel sind erfülletGanz von meiner Herrlichkeit,Und der Mensch er wird mich lobenBis in alle Ewigkeit!
VI.Der Stoff, das Material des Gedichts,Das saugt sich nicht aus dem Finger;Kein Gott erschafft die Welt aus Nichts,So wenig, wie irdische Singer.
Aus vorgefundenem UrweltsdreckErschuf ich die Männerleiber,Und aus dem MännerrippenspeckErschuf ich die schönen Weiber.
Den Himmel erschuf ich aus der Erd’Und Engel aus Weiberentfaltung;Der Stoff gewinnt erst seinen WerthDurch künstlerische Gestaltung.
VII.Warum ich eigentlich erschufDie Welt, ich will es gern bekennen:Ich fühlte in der Seele brennenWie Flammenwahnsinn, den Beruf.
Krankheit ist wohl der letzte GrundDes ganzen Schöpferdrangs gewesen;Erschaffend konnte ich genesen,Erschaffend wurde ich gesund.|}
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, Verschiedene S. 129–136, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schöpfungslieder“, Fassung 3.806.137 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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