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Versbuch

Pomare

Heinrich Heine · 17971856

96 Zeilen in 25 Strophen · zuerst gedruckt 1851

I.

Alle Liebesgötter jauchzenMir im Herzen, und FanfareBlasen sie und rufen: Heil!Heil, der Königin Pomare!

Jene nicht von Otahaiti –Missionärisirt ist jene –Die ich meine, die ist wild,Eine ungezähmte Schöne.

Zweimal in der Woche zeigt sieOeffentlich sich ihrem VolkeIn dem Garten Mabill, tanztDort den Cancan, auch die Polke.

Majestät in jedem Schritte,Jede Beugung Huld und Gnade,Eine Fürstin jeder ZollVon der Hüfte bis zur Wade –

Also tanzt sie – und es blasenLiebesgötter die FanfareMir im Herzen, rufen: Heil!Heil der Königin Pomare!

II.

Sie tanzt. Wie sie das Leibchen wiegt!Wie jedes Glied sich zierlich biegt!Das ist ein Flattern und ein Schwingen,Um wahrlich aus der Haut zu springen.

Sie tanzt. Wenn sie sich wirbelnd drehtAuf einem Fuß, und stille stehtAm End’ mit ausgestreckten Armen,Mag Gott sich meiner Vernunft erbarmen!

Sie tanzt. Derselbe Tanz ist das,Den einst die Tochter HerodiasGetanzt vor dem Judenkönig Herodes.Ihr Auge sprüht wie Blitze des Todes.

Sie tanzt mich rasend – ich werde toll –Sprich, Weib, was ich dir schenken soll?Du lächelst? Heda! Trabanten! Läufer!Man schlage ab das Haupt dem Täufer!

III.

Gestern noch für’s liebe BrodWälzte sie sich tief im Koth,Aber heute schon mit VierenFährt das stolze Weib spazieren.In die seidnen Kissen drücktSie das Lockenhaupt, und blicktVornehm auf den großen HaufenDerer, die zu Fuße laufen.

Wenn ich dich so fahren seh,Thut es mir im Herzen weh!Ach, es wird dich dieser WagenNach dem Hospitale tragen,Wo der grauenhafte TodEndlich endigt deine Noth,

Und der Carabin mit schmierigPlumper Hand wird lernbegierigDeinen schönen Leib zerfetzt,Anatomisch ihn zersetzt –Deine Rosse trifft nicht minderEinst zu Montfaucon der Schinder.

IV.

Besser hat es sich gewendetDas Geschick, das dich bedroht’ –Gott sei Dank, du hast geendet,Gott sei Dank, und du bist todt.

In der Dachstub’ deiner armenAlten Mutter starbest du,Und sie schloß dir mit ErbarmenDeine schönen Augen zu.

Kaufte dir ein gutes Lailich,Einen Sarg, ein Grab sogar,Die Begräbnißfeier freilichEtwas kahl und ärmlich war.

Keinen Pfaffen hört man singen,Keine Glocke klagte schwer;Hinter deiner Bahre gingenNur dein Hund und dein Friseur.

„Ach, ich habe der Pomare,“Seufzte dieser, „oft gekämmtIhre langen schwarzen Haare,Wenn sie vor mir saß im Hemd.“

Was den Hund betrifft, so rannt’ erSchon am Kirchhofsthor davon,Und ein Unterkommen fand erSpäterhin bei Ros’ Pompon.

Ros’ Pompon, der Provenzalin,Die den Namen KöniginDir mißgönnt und als RivalinDich verklatscht mit niederm Sinn.

Arme Königin des Spottes,Mit dem Diadem von Koth,Bist gerettet jetzt durch GottesEw’ge Güte, du bist todt.

Wie die Mutter, so der VaterHat Barmherzigkeit geübt,Und ich glaube, dieses that er,Weil auch du so viel geliebt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 34–39., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Pomare“, Fassung 2.314.371 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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