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Versbuch

Der Mohrenkönig

Heinrich Heine · 17971856

68 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1851

In’s Exil der AlpuxarrenZog der junge Mohrenkönig;Schweigsam und das Herz voll KummerRitt er an des Zuges Spitze.

Hinter ihm auf hohen ZelternOder auch in güldnen SänftenSaßen seines Hauses Frauen;Schwarze Mägde trägt das Maulthier.

Hundert treue Diener folgenAuf arabisch edlen Rappen;Stolze Gäule, doch die ReiterHängen schlottrig in den Sätteln.

Keine Zymbel, keine Pauke,Kein Gesangeslaut ertönte;Nur des Maulthiers SilberglöckchenWimmern schmerzlich in der Stille.

Auf der Höhe, wo der BlickIn’s Duero-Thal hinabschweift,Und die Zinnen von GranadaSichtbar sind zum letzten Male:

Dorten stieg vom Pferd der KönigUnd betrachtete die Stadt,Die im Abendlichte glänzte,Wie geschmückt mit Gold und Purpur.

Aber, Allah! Welch ein Anblick!Statt des vielgeliebten Halbmonds,Prangen Spaniens Kreuz und FahnenAuf den Thürmen der Alhambra.

Ach, bei diesem Anblick brachenAus des Königs Brust die Seufzer,Thränen überströmten plötzlichWie ein Sturzbach seine Wangen.

Düster von dem hohen ZelterSchaut herab des Königs Mutter,Schaut auf ihres Sohnes Jammer,Und sie schalt ihn stolz und bitter.

„Boabdil el Chico,“ sprach sie,„Wie ein Weib beweinst du jetzoJene Stadt, die du nicht wußtestZu vertheid’gen wie ein Mann.“

Als des Königs liebste KebsinSolche harte Rede hörte,Stürzte sie aus ihrer SänfteUnd umhalste den Gebieter.

„Boabdil el Chico,“ sprach sie,„Tröste dich, mein Heißgeliebter,Aus dem Abgrund deines ElendsBlüht hervor ein schöner Lorbeer.

„Nicht allein der Triumphator,Nicht allein der sieggekrönteGünstling jener blinden Göttin,Auch der blut’ge Sohn des Unglücks,

„Auch der heldenmüth’ge Kämpfer,Der dem ungeheuren SchicksalUnterlag, wird ewig lebenIn der Menschen Angedenken.“

„Berg des letzten Mohrenseufzers“Heißt bis auf den heut’gen TagJene Höhe, wo der KönigSah zum letzten Mal Granada.

Lieblich hat die Zeit erfülletSeiner Liebsten Prophezeiung,Und des Mohrenkönigs NameWard verherrlicht und gefeiert.

Nimmer wird sein Ruhm verhallen,Ehe nicht die letzte SaiteSchnarrend losspringt von der letztenAndalusischen Guitarre.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Erstes Buch. Historien. Seiten 64-67, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Mohrenkönig“, Fassung 3.436.772 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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