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Versbuch

Im Oktober 1849

Heinrich Heine · 17971856

62 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1851

XVI.Im Oktober 1849.

Gelegt hat sich der starke Wind,Und wieder stille wird’s daheime;Germania, das große Kind,Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume.

Wir treiben jetzt Familienglück –Was höher lockt, das ist vom Uebel –Die Friedensschwalbe kehrt zurück,Die einst genistet in des Hauses Giebel.

Gemüthlich ruhen Wald und Fluß,Von sanftem Mondlicht übergossen;Nur manchmal knallt’s – Ist das ein Schuß? –Es ist vielleicht ein Freund, den man erschossen.

Vielleicht mit Waffen in der HandHat man den Tollkopf angetroffen,(Nicht Jeder hat so viel VerstandWie Flaccus, der so kühn davon geloffen).

Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht,Ein Feuerwerk zur Goethefeier! –Die Sontag, die dem Grab entsteigt,Begrüßt Raketenlärm – die alte Leyer!

Auch Liszt taucht wieder auf, der Franz,Er lebt, er liegt nicht blutgeröthetAuf einem Schlachtfeld Ungarlands;Kein Russe, kein Kroat hat ihn getödtet.

Es fiel der Freiheit letzte Schanz’,Und Ungarn blutet sich zu Tode –Doch unversehrt blieb Ritter Franz,Sein Säbel auch – er liegt in der Kommode.

Er lebt, der Franz, und wird als GreisVom Ungarkriege WunderdingeErzählen in der Enkel Kreis –„So lag ich und so führt’ ich meine Klinge!“

Wenn ich den Namen Ungarn hör’,Wird mir das deutsche Wams zu enge,Es braust darunter wie ein Meer,Mir ist als grüßten mich Trompetenklänge!

Es klirrt mir wieder im GemüthDie Heldensage, längst verklungen,Das eisern wilde Kämpenlied –Das Lied vom Untergang der Nibelungen.

Es ist dasselbe Heldenloos,Es sind dieselben alten Mähren,Die Namen sind verändert blos,Doch sind’s dieselben „Helden lobebären.“

Es ist dasselbe Schicksal auch –Wie stolz und frei die Fahnen fliegen,Es muß der Held, nach altem Brauch,Den thierisch rohen Mächten unterliegen.

Und diesmal hat der Ochse garMit Bären einen Bund geschlossen –Du fällst; doch tröste dich, Magyar,Wir Andre haben schlimm’re Schmach genossen.

Anständ’ge Bestien sind es doch,Die ganz honnet dich überwunden;Doch wir gerathen in das JochVon Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.

Das heult und bellt und grunzt – ich kannErtragen kaum den Duft der Sieger.Doch still, Poet, das greift dich an –Du bist so krank und schweigen wäre klüger.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Zweites Buch: Lamentationen. Seiten 192-195, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Im Oktober 1849 (Romanzero)“, Fassung 3.841.129 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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