Frau Mette
Heinrich Heine · 1797–1856
63 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1844
XXI.Frau Mette.(Nach dem Dänischen.)
Herr Peter und Bender saßen beim Wein,Herr Bender sprach: ich wette,Bezwänge dein Singen die ganze Welt,Doch nimmer bezwingt es Frau Mette.
Herr Peter sprach: ich wette mein Roß,Wohl gegen deine Hunde,Frau Mette sing ich nach meinem Hof,Noch heut, in der Mitternachtstunde.
Und als die Mitternachtstunde kam,Herr Peter hub an zu singen;Wohl über den Fluß, wohl über den Wald,Die süßen Töne dringen.
Die Tannenbäume horchen so still,Die Fluth hört auf zu rauschen,Am Himmel zittert der blasse Mond,Die klugen Sterne lauschen.
Frau Mette erwacht aus ihrem Schlaf:Wer singt vor meiner Kammer?Sie achselt ihr Kleid, sie schreitet hinaus; –Das ward zu großem Jammer.
Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß,Sie schreitet unaufhaltsam;Herr Peter zog sie nach seinem HofMit seinem Liede gewaltsam.
Und als sie Morgens nach Hause kamVor der Thüre stand Herr Bender:„Frau Mette, wo bist du gewesen zur Nacht,Es triefen deine Gewänder?“
Ich war heut Nacht am Nixenfluß,Dort hört ich prophezeyen,Es plätscherten und bespritzten michDie neckenden Wasserfeyen.
„Am Nixenfluß ist feiner Sand,Dort bist du nicht gegangen,Zerrissen und blutig sind deine Füß’,Auch bluten deine Wangen.“
Ich war heut Nacht im Elfenwald,Zu schauen den Elfenreigen,Ich hab mir verwundet Fuß und Gesicht,An Dornen und Tannenzweigen.
„Die Elfen tanzen im Monat May,Auf weichen Blumenfeldern,Jetzt aber herrscht der kalte HerbstUnd heult der Wind in den Wäldern.“
Bey Peter Nielsen war ich heut Nacht,Er sang und zaubergewaltsam,Wohl durch den Wald, wohl durch den Fluß,Es zog mich unaufhaltsam.
Sein Lied ist stark als wie der Tod,Es lockt in Nacht und Verderben.Noch brennt mir im Herzen die tönende Glut;Ich weiß, jetzt muß ich sterben. –
Die Kirchenthür ist schwarz behängt,Die Trauerglocken läuten;Das soll den jämmerlichen TodDer armen Frau Mette bedeuten.
Herr Bender steht vor der Leichenbahr,Und seufzt aus Herzensgrunde:Nun hab ich verloren mein schönes WeibUnd meine treuen Hunde.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seite 205–208, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Frau Mette“, Fassung 1.329.343 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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