Die Unbekannte
Heinrich Heine · 1797–1856
34 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1844
XVI.Die Unbekannte.
Meiner goldgelockten SchönenWeiß ich täglich zu begegnen,In dem Tuileriengarten,Unter den Kastanienbäumen.
Täglich geht sie dort spazierenMit zwei häßlich alten Damen –Sind es Tanten? Sind’s Dragoner,Die vermummt in Weiberröcken?
Niemand konnt mir Auskunft geben,Wer sie sei? Bei allen FreundenFrug ich nach, und stets vergebens!Ich erkrankte fast vor Sehnsucht.
Eingeschüchtert von dem SchnurrbartIhrer zwei Begleiterinnen,Und von meinem eignen HerzenNoch viel strenger eingeschüchtert,
Wagt’ ich nie ein seufzend WörtchenIm Vorübergeh’n zu flüstern,Und ich wagte kaum mit BlickenMeine Flamme zu bekunden.
Heute erst hab’ ich erfahrenIhren Namen. Laura heißt sie,Wie die schöne Provenzalin,Die der große Dichter liebte.
Laura heißt sie! Nun da bin ichJust so weit wie einst Petrarcha,Der das schöne Weib gefeiertIn Canzonen und Sonetten.
Laura heißt sie! Wie PetrarchaKann ich jetzt platonisch schwelgenIn dem Wohllaut dieses Namens –Weiter hat er’s nie gebracht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seite 196-198, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Unbekannte“, Fassung 5.016.259 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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