Die Vermählte
Heinrich Heine · 1797–1856
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1822
Wie die WellenschaumgeboreneStralt mein Lieb im Schönheitsglanz,Denn sie ist das auserkoreneBräutchen eines fremden Manns.
Herz, mein Herz, du vielgeduldiges,Grolle nicht ob dem Verrath;Trag es, trag es, und entschuldig’ esWas die holde Thörinn that.
Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht,Ewig verlor’nes Lieb, ich grolle nicht.Wie du auch stralst in Diamantenpracht,Es fällt kein Stral in deines Herzens Nacht.
Das weiß ich längst. Ich sah dich ja im Traum,Und sah die Nacht in deines Herzens Raum,Und sah die Schlang, die dir am Herzen frißt, —Und sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist.
Ja, du bist elend, und ich grolle nicht;Mein Lieb, wir sollen beide elend seyn!Bis uns der Tod das kranke Herze bricht,Mein Lieb, wir sollen beide elend seyn.
Wohl seh ich Spott, der deinen Mund umschwebt,Und seh dein Auge blitzen trotziglich,Und seh den Stolz, der deinen Busen hebt, –Und elend bist du doch, elend wie ich.
Unsichtbar zuckt auch Schmerz um deinen Mund,Verborgne Thräne trübt des Auges Schein,Der stolze Busen hegt geheime Wund’, –Mein Lieb, wir sollen beide elend seyn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 62-64, Maurerschen Buchhandlung, Berlin, 1822
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Vermählte“, Fassung 3.579.183 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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