Jüngstens träumte mir: spatzieren
Heinrich Heine · 1797–1856
35 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1844
In dem Himmelreiche ging ich,Ich mit dir – denn ohne dichWär der Himmel eine Hölle.
Dort sah ich die Auserwählten,Die Gerechten und die Frommen,Die auf Erden ihren LeibFür der Seele Heil gepeinigt:
Kirchenväter und Apostel,Eremiten, Kapuziner,Alte Käutze, ein’ge junge –Letztre sahn noch schlechter aus!
Lange heilige Gesichter,Breite Glatzen, graue Bärte,(Drunter auch verschiedne Juden), –Gingen streng an uns vorüber,
Warfen keinen Blick nach dir,Ob du gleich, mein schönes Liebchen,Tändelnd mir am Arme hingest,Tändelnd, lächelnd, kokettirend!
Nur ein Einz’ger sah dich an,Und es war der einz’ge schöne,Schöne Mann in dieser Schaar;Wunderherrlich war sein Antlitz.
Menschengüte um die Lippen,Götterruhe in den Augen,Wie auf Magdalenen einstSchaute Jener auf dich nieder.
Ach! ich weiß, er meint es gut –Keiner ist so rein und edel –Aber ich, ich wurde dennochWie von Eifersucht berühret –
Und ich muß gestehn, es wurdeMir im Himmel unbehaglich –Gott verzeih’ mir’s! mich genirteUnser Heiland, Jesus Christus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 150-152, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jüngstens träumte mir: spatzieren“, Fassung 2.308.455 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.