König Harald Harfagar
Heinrich Heine · 1797–1856
34 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1844
XXIII.König Harald Harfagar.
Der König Harald HarfagarSitzt unten in Meeresgründen,Bei seiner schönen Wasserfee;Die Jahre kommen und schwinden.
Von Nixenzauber gebannt und gefeit,Er kann nicht leben, nicht sterben;Zweihundert Jahre dauert schonSein seliges Verderben.
Des Königs Haupt liegt auf dem SchooßDer holden Frau, und mit SchmachtenSchaut er nach ihren Augen empor;Kann nicht genug sie betrachten.
Sein goldnes Haar ward silbergrau,Es treten die BackenknochenGespenstisch hervor aus dem gelben Gesicht,Der Leib ist welk und gebrochen.
Manchmal aus seinem LiebestraumWird er plötzlich aufgeschüttert,Denn droben stürmt so wild die FluthUnd das gläserne Schloß erzittert.
Manchmal ist ihm, als hört’ er im WindNormannenruf erschallen;Er hebt die Arme mit freudiger Hast,Läßt traurig sie wieder fallen.
Manchmal ist ihm, als hört’ er gar,Wie die Schiffer singen hier oben,Und den König Harald HarfagarIm Heldenliede loben.
Der König stöhnt und schluchzt und weintAlsdann aus Herzensgrunde.Schnell beugt sich hinab die WasserfeeUnd küßt ihn mit lachendem Munde.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seite 212–214, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „König Harald Harfagar“, Fassung 2.357.580 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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