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Versbuch

Die Wallfahrt nach Kevlaar

Heinrich Heine · 17971856

80 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Am Fenster stand die Mutter,Im Bette lag der Sohn.„Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,Zu schau’n die Prozession?“ –

„Ich bin so krank, o Mutter,Daß ich nicht hör’ und seh’;Ich denk’ an das todte Gretchen,Da thut das Herz mir weh.“ –

„Steh’ auf, wir wollen nach Kevlaar,Nimm Buch und Rosenkranz;Die Mutter Gottes heilt dirDein krankes Herze ganz.“

Es flattern die Kirchenfahnen,Es singt im Kirchenton;Das ist zu Cölln am Rheine,Da geht die Prozession.

Die Mutter folgt der Menge,Den Sohn, den führet sie,Sie singen beide im Chore:Gelobt sey’st du Marie!

Die Mutter Gottes zu KevlaarTrägt heut’ ihr bestes Kleid;Heut’ hat sie viel zu schaffen,Es kommen viel’ kranke Leut’.

Die kranken Leute bringenIhr dar, als Opferspend’,Aus Wachs gebildete Glieder,Viel wächserne Füß’ und Händ’.

Und wer eine Wachshand opfert,Dem heilt an der Hand die Wund’;Und wer einen Wachsfuß opfert,Dem wird der Fuß gesund.

Nach Kevlaar ging Mancher auf Krücken,Der jetzo tanzt auf dem Seil’,Gar Mancher spielt jetzt die Bratsche,Dem dort kein Finger war heil.

Die Mutter nahm ein Wachslicht,Und bildete d’raus ein Herz.„Bring das der Mutter Gottes,Dann heilt sie deinen Schmerz.“

Der Sohn nahm seufzend das WachsherzGing seufzend zum Heiligenbild;Die Thräne quillt aus dem Auge,Das Wort aus dem Herzen quillt:

„Du Hochgebenedeite,Du reine Gottesmagd,Du Königin des Himmels,Dir sey mein Leid geklagt!

„Ich wohnte mit meiner MutterZu Cöllen in der Stadt,Der Stadt, die viele hundertKapellen und Kirchen hat.

„Und neben uns wohnte Gretchen,Doch die ist todt jetzund –Marie, dir bring’ ich ein Wachsherz,Heil’ du meine Herzenswund’.

„Heil’ Du mein krankes Herze,Ich will auch spät und früh’Inbrünstiglich beten und singen:Gelobt seyst du, Marie!“

Der kranke Sohn und die Mutter,Die schliefen im Kämmerlein;Da kam die Mutter GottesGanz leise geschritten herein.

Sie beugte sich über den Kranken,Und legte ihre HandGanz leise auf sein Herze,Und lächelte mild und schwand.

Die Mutter schaut Alles im Traume,Und hat noch mehr geschaut;Sie erwachte aus dem Schlummer,Die Hunde bellten zu laut.

Da lag dahingestrecketIhr Sohn, und der war todt;Es spielt auf den bleichen WangenDas lichte Morgenroth.

Die Mutter faltet die Hände,Ihr war, sie wußte nicht wie;Andächtig sang sie leise:Gelobt sey’st du, Marie!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 279–283, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Wallfahrt nach Kevlaar“, Fassung 3.838.712 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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