Der tugendhafte Hund
Heinrich Heine · 1797–1856
51 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt off
Ein Pudel, der mit gutem FugDen schönen Namen Brutus trug,War vielberühmt im ganzen LandOb seiner Tugend und seinem Verstand.Er war ein Muster der Sittlichkeit,Der Langmuth und Bescheidenheit.Man hörte ihn loben, man hörte ihn preisen,Als einen vierfüßigen Nathan den Weisen.Er war ein wahres Hundejuwel!So ehrlich und treu! eine schöne Seel’!Auch schenkte sein Herr in allen StückenIhm volles Vertrauen, er konnte ihn schickenSogar zum Fleischer. Der edle HundTrug dann einen Hängekorb im Mund,Worin der Metzger das schöngehackteRindfleisch, Schaffleisch, auch Schweinefleisch packte –Wie lieblich und lockend das Fett gerochen,Der Brutus berührte keinen Knochen,Und ruhig und sicher, mit stoischer Würde,Trug er nach Hause die kostbare Bürde.
Doch unter den Hunden wird gefundenAuch eine Menge von Lumpenhunden –Wie unter uns – gemeine Köter,Tagdiebe, Neidharde, Schwerenöther,Die ohne Sinn für sittliche FreudenIm Sinnenrausch ihr Leben vergeuden!Verschworen hatten sich solche RackerGegen den Brutus, der treu und wackerMit seinem Korb im Maule nichtGewichen von dem Pfad der Pflicht –
Und eines Tages, als er kamVom Fleischer und seinen Rückweg nahmNach Hause, da ward er plötzlich von allenVerschwornen Bestien überfallen;Da ward ihm der Korb mit dem Fleisch entrissen,Da fielen zu Boden die leckersten Bissen,Und fraßbegierig über die BeuteWarf sich die ganze hungrige Meute –Brutus sah anfangs dem Schauspiel zu,Mit philosophischer Seelenruh’;Doch als er sah, daß solchermaßenSämmtliche Hunde schmausten und fraßen,Da nahm auch er an der Mahlzeit theilUnd speiste selbst eine Schöpsenkeul’ –
Moral.
Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?So ruft wehmüthig der Moralist.Ja, böses Beyspiel kann verführen;Und ach! gleich allen Säugethieren,Nicht ganz und gar vollkommen istDer tugendhafte Hund – er frißt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Schreiberabschrift von H (Reinhardt) (1855), off, off
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der tugendhafte Hund“, Fassung 3.778.490 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.