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Versbuch

Der weiße Elephant

Heinrich Heine · 17971856

176 Zeilen in 44 Strophen · zuerst gedruckt 1851

Der König von Siam, MahawasantBeherrscht das halbe Indienland,Zwölf Kön’ge, der große Mogul sogar,Sind seinem Scepter tributar.

Alljährlich mit Trommeln, Posaunen und FahnenZiehen nach Siam die Zinskarawanen;Viel tausend Kameele, hochberuckte,Schleppen die kostbarsten Landesprodukte.

Sieht er die schwerbepackten Kameele,So schmunzelt heimlich des Königs Seele;Oeffentlich freilich pflegt er zu jammern,Es fehle an Raum in seinen Schatzkammern.

Doch diese Schatzkammern sind so weit,So groß und voller Herrlichkeit;Hier überflügelt der Wirklichkeit PrachtDie Mährchen von Tausend und Eine Nacht.

„Die Burg des Indra“ heißt die Halle,Wo aufgestellt die Götter alle,Bildsäulen von Gold, fein ciseliret,Mit Edelsteinen incrustiret.

Sind an der Zahl wohl dreißig Tausend,Figuren abenteuerlich grausend,Mischlinge von Menschen- und Thier-Geschöpfen,Mit vielen Händen und vielen Köpfen.

Im „Purpursaale“ sieht man verwundertKorallenbäume dreizehnhundert,Wie Palmen groß, seltsamer Gestalt,Geschnörkelt die Aeste, ein rother Wald.

Das Estrich ist vom reinsten KrystalleUnd wiederspiegelt die Bäume alle.Fasanen vom buntesten GlanzgefiederGehn gravitätisch dort auf und nieder.

Der Lieblingsaffe des MahawasantTrägt an dem Hals ein seidenes Band,Dran hängt der Schlüssel, welcher erschleußtDie Halle, die man Schlafsaal heißt.

Die Edelsteine vom höchsten Werth,Die liegen wie Erbsen hier auf der Erd’Hochaufgeschüttet; man findet dabeiDiamanten so groß wie ein Hühner-Ei.

Auf grauen mit Perlen gefüllten SäckenPflegt hier der König sich hinzustrecken;Der Affe legt sich zum MonarchenUnd beide schlafen ein und schnarchen.

Das Kostbarste aber von allen SchätzenDes Königs, sein Glück, sein Seelenergötzen,Die Lust und der Stolz von Mahawasant,Das ist sein weißer Elephant.

Als Wohnung für diesen erhabenen GastLieß bauen der König den schönsten Palast;Es wird das Dach, mit Goldblech beschlagen,Von Lothos-knäufigen Säulen getragen.

Am Thore stehen dreihundert TrabantenAls Ehrenwache des Elephanten,Und knieend mit gekrümmtem Rucken,Bedienen ihn hundert schwarze Eunucken.

Man bringt auf einer güldnen SchüsselDie leckersten Bissen für seinen Rüssel;Er schlürft aus silbernen Eimern den Wein,Gewürzt mit süßesten Spezerei’n.

Man salbt ihn mit Ambra und Rosenessenzen,Man schmückt sein Haupt mit Blumenkränzen;Als Fußdecke dienen dem edlen ThierDie kostbarsten Shawls aus Kaschimir.

Das glücklichste Leben ist ihm beschieden,Doch Niemand auf Erden ist zufrieden.Das edle Thier, man weiß nicht wie,Versinkt in tiefe Melancholie.

Der weiße MelancholikusSteht traurig mitten im Ueberfluß.Man will ihn ermuntern, man will ihn erheitern,Jedoch die klügsten Versuche scheitern.

Vergebens kommen mit Springen und SingenDie Bajaderen; vergebens erklingenDie Zinken und Pauken der Musikanten,Doch nichts erlustigt den Elephanten.

Da täglich sich der Zustand verschlimmert,Wird Mahawasantes Herz bekümmert;Er läßt vor seines Thrones StufenDen klügsten Astrologen rufen.

„Sterngucker, ich laß dir das Haupt abschlagen,“Herrscht er ihn an, „kannst du mir nicht sagen,Was meinem Elephanten fehle,Warum so verdüstert seine Seele?“

Doch jener wirft sich dreimal zur Erde,Und endlich spricht er mit ernster Geberde:„O König, ich will dir die Wahrheit verkünden,Du kannst dann handeln nach Gutbefinden.

„Es lebt im Norden ein schönes WeibVon hohem Wuchs und weißem Leib,Dein Elephant ist herrlich, unläugbar,Doch ist er nicht mit ihr vergleichbar.

„Mit ihr verglichen, erscheint er nurEin weißes Mäuschen. Es mahnt die StaturAn Bimha, die Riesin, im Ramajana,Und an der Epheser große Diana.

„Wie sich die Gliedermassen wölbenZum schönsten Bau! Es tragen dieselbenAnmuthig und stolz zwei hohe PilasterVon blendend weißem Alabaster.

„Das ist Gott Amors kolossaleDomkirche, der Liebe Kathedrale;Als Lampe brennt im TabernakelEin Herz, das ohne Falsch und Makel.

„Die Dichter jagen vergebens nach Bildern,Um ihre weiße Haut zu schildern;Selbst Gautier ist dessen nicht capabel, –O diese Weiße ist implacable!

„Des Himalaya GipfelschneeErscheint aschgrau in ihrer Näh’;Die Lilie, die ihre Hand erfaßt,Vergilbt durch Eifersucht oder Contrast.

„Gräfin Bianka ist der NameVon dieser großen weißen Dame;Sie wohnt zu Paris im Frankenland,Und diese liebt der Elephant.

„Durch wunderbare Wahlverwandtschaft,Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,Und träumend in sein Herze stahlSich dieses hohe Ideal.

„Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund’,Und er, der vormals so froh und gesund,Er ist ein vierfüßiger Werther geworden,Und träumt von einer Lotte im Norden.

„Geheimnisvolle Sympathie!Er sah sie nie und denkt an sie.Er trampelt oft im Mondschein umherUnd seufzet: wenn ich ein Vöglein wär’!

„In Siam ist nur der Leib, die GedankenSind bei Bianka im Lande der Franken;Doch diese Trennung von Leib und SeeleSchwächt sehr den Magen, vertrocknet die Kehle.

„Die leckersten Braten widern ihn an,Er liebt nur Dampfnudeln und Ossian;Er hüstelt schon, er magert ab,Die Sehnsucht schaufelt sein frühes Grab.

„Willst du ihn retten, erhalten sein Leben,Der Säugethierwelt ihn wiedergeben,O König, so schicke den hohen KrankenDirekt nach Paris, der Hauptstadt der Franken.

„Wenn ihn alldort in der WirklichkeitDer Anblick der schönen Frau erfreut,Die seiner Träume Urbild gewesen,Dann wird er von seinem Trübsinn genesen.

„Wo seiner Schönen Augen strahlen,Da schwinden seiner Seele Qualen;Ihr Lächeln verscheucht die letzten Schatten,Die hier sich eingenistet hatten;

„Und ihre Stimme, wie’n Zauberlied,Lös’t sie den Zwiespalt in seinem Gemüth;Froh hebt er wieder die Lappen der Ohren,Er fühlt sich verjüngt, wie neugeboren.

„Es lebt sich so lieblich, es lebt sich so süßAm Seinestrand, in der Stadt Paris!Wie wird sich dorten zivilisirenDein Elephant und amüsiren!

„Vor allem aber, o König, lasseIhm reichlich füllen die Reisekasse,Und gieb ihm einen Creditbrief mitAuf Rothschild frères in der rue Lafitte.

„Ja, einen Creditbrief von einer MillionDukaten etwa; – der Herr BaronVon Rothschild sagt von ihm alsdann:Der Elephant ist ein braver Mann!“

So sprach der Astrolog, und wiederWarf er sich dreimal zur Erde nieder.Der König entließ ihn mit reichen Geschenken,Und streckte sich aus, um nachzudenken.

Er dachte hin, er dachte her;Das Denken wird den Königen schwer.Sein Affe sich zu ihm niedersetzt,Und beide schlafen ein zuletzt.

Was er beschlossen, das kann ich erzählenErst später; die indischen Mall’posten fehlen.Die letzte, welche uns zugekommen,Die hat den Weg über Suez genommen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 7–15., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der weiße Elephant“, Fassung 3.701.923 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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