In der Fremde
Heinrich Heine · 1797–1856
51 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1844
I.
Es treibt dich fort von Ort zu Ort,Du weißt nicht mahl warum;Im Winde klingt ein sanftes Wort,Schaust dich verwundert um.
Die Liebe, die dahinten blieb,Sie ruft dich sanft zurück:O komm zurück, ich hab’ dich lieb,Du bist mein einz’ges Glück!
Doch weiter, weiter, sonder Rast,Du darfst nicht stille stehn.Was du so sehr geliebet hastSollst du nicht wiedersehn.
II.
Du bist ja heut so grambefangen,Wie ich dich lange nicht geschaut!Es perlet still von deinen Wangen,Und deine Seufzer werden laut.
Denkst du der Heimath, die so ferne,So nebelferne dir verschwand?Gestehe mir’s, du wärest gerneManchmal im theuren Vaterland.
Denkst du der Dame, die so niedlichMit kleinem Zürnen dich ergötzt?Oft zürntest du, dann ward sie friedlich,Und immer lachtet ihr zuletzt.
Denkst du der Freunde, die da sankenAn deine Brust, in großer Stund?Im Herzen stürmten die Gedanken,Jedoch verschwiegen blieb der Mund.
Denkst du der Mutter und der Schwester?Mit beiden standest du ja gut.Ich glaube gar es schmilzt, mein Bester,In deiner Brust der wilde Muth!
Denkst du der Vögel und der BäumeDes schönen Gartens, wo du oftGeträumt der Liebe junge Träume,Wo du gezagt, wo du gehofft?
Es ist schon spät. Die Nacht ist helle,Trübhell gefärbt vom feuchten Schnee.Ankleiden muß ich mich nun schnelleUnd in Gesellschaft gehn. O weh!
III.
Ich hatte einst ein schönes Vaterland.Der EichenbaumWuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.Es war ein Traum.
Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch(Man glaubt es kaumWie gut es klang) das Wort: „ich liebe dich!“Es war ein Traum.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte. Seiten 156-159, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1844
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „In der Fremde“, Fassung 3.806.139 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.