Mir träumt’: ich bin der liebe Gott
Heinrich Heine · 1797–1856
51 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Und sitz’ im Himmel droben,Und Englein sitzen um mich her,Die meine Verse loben.
Und Kuchen ess’ ich und ConfektFür manchen lieben Gulden,Und Kardinal trink’ ich dabei,Und habe keine Schulden.
Doch Langeweile plagt mich sehr,Ich wollt’, ich wär’ auf Erden,Und wär’ ich nicht der liebe Gott,Ich könnt’ des Teufels werden.
Du langer Engel Gabriel,Geh’, mach’ dich auf die Sohlen,Und meinen theuren Freund EugenSollst du herauf mir holen.
Such’ ihn nicht im Collegium,Such’ ihn beim Glas Tokaier;Such’ ihn nicht in der Hedwigskirch,Such’ ihn bei Mamsell Meyer.
Da breitet aus sein FlügelpaarUnd fliegt herab der Engel,Und packt ihn auf, und bringt heraufDen Freund, den lieben Bengel.
Ja, Jung’, ich bin der liebe Gott,Und ich regier’ die Erde!Ich hab’s ja immer dir gesagt,Daß ich was Rechts noch werde.
Und Wunder thu’ ich alle Tag,Die sollen dich entzücken,Und dir zum Spaße will ich heutDie Stadt Jr-Jr beglücken.
Die Pflastersteine auf der Straß’,Die sollen jetzt sich spalten,Und eine Auster, frisch und klar,Soll jeder Stein enthalten.
Ein Regen von ZitronensaftSoll thauig sie begiessen,Und in den Straßengössen sollDer beste Rheinwein fließen.
Wie freuen die Jr-Jrer sich,Sie gehen schon an’s Fressen;Die Herren von dem Landgericht,Die saufen aus den Gössen.
Wie freuen die Poeten sichBei solchem Götterfraße!Die Leutnants und die Fähnderichs,Die lecken ab die Straße.
Die Leutnants und die Fähnderichs,Das sind die klügsten Leute,Sie denken, alle Tag’ geschiehtKein Wunder so wie heute.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Heimkehr, S. 238–240, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mir träumt’: ich bin der liebe Gott“, Fassung 3.778.785 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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