Großmutter und Enkel
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
45 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1922
GROSSMUTTER UND ENKEL
»Ferne ist dein Sinn, dein FußNur in meiner Tür!«Woher weißt du's gleich beim Gruß?»Kind, weil ich es spür.«
Was? »Wie Sie aus süßer RuhSüß durch dich erschrickt.« –Sonderbar, wie Sie hast duVor dich hingenickt.
»Einst,...« Nein: jetzt im Augenblick!Mich beglückt der Schein –»Kind, was haucht dein Wort und BlickJetzt in mich hinein?
Meine Mädchenzeit voll GlanzMit verstohlnem HauchÖffnet mir die Seele ganz!«Ja, ich spür es auch:
Und ich bin bei dir und binWie auf fremdem Stern:Ihr und dir mit wachem SinnSchwankend nah und fern!
»Als ich dem Großvater deinMich fürs Leben gab,Trat ich so verwirrt nicht einWie nun in mein Grab.«
Grab? Was redest du von dem?Das ist weit von dir!Sitzest plaudernd und bequemMit dem Enkel hier.
Deine Augen frisch und reg,Deine Wangen hell –»Flog nicht übern kleinen WegEtwas schwarz und schnell?«
Etwas ist, das wie ein TraumMich Verliebten hält.Wie der enge schwüle RaumSeltsam mich umstellt!
»Fühlst du, was jetzt mich umblitztUnd mein stockend Herz?Wenn du bei dem Mädchen sitzt,Unter Kuß und Scherz,
Fühl es fort und denk an mich,Aber ohne Graun:Denk, wie ich im Sterben glichJungen, jungen Fraun.«
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 49–50, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Großmutter und Enkel“, Fassung 3.026.773 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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