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Versbuch

Des fremden Kindes heiliger Christ

Friedrich Rückert · 17881866

90 Zeilen · zuerst gedruckt 1841

Es läuft ein fremdes KindAm Abend vor WeihnachtenDurch eine Stadt geschwind,Die Lichter zu betrachten,Die angezündet sind.Es steht vor jedem HausUnd sieht die hellen Räume,Die drinnen schaun heraus,Die lampenvollen Bäume;Weh wird’s ihm überaus.Das Kindlein weint und spricht:„Ein jedes Kind hat heuteEin Bäumchen und ein Licht,Und hat daran seine Freude,Nur blos ich armes nicht!An der Geschwister Hand,Als ich daheim gesessen,Hat es mir auch gebrannt;Doch hier bin ich vergessenIn diesem fremden Land.Läßt mich denn Niemand einUnd gönnt mir auch ein Fleckchen?In all’ den Häuserreih’n,Ist denn für mich kein Eckchen,Und wär’ es noch so klein?Läßt mich denn niemand ein?Ich will ja selbst Nichts haben,Ich will ja nur am ScheinDer fremden WeihnachtsgabenMich laben ganz allein!“Es klopft an Thür und Thor,An Fenster und an Laden,Doch Niemand tritt hervor,Das Kindlein einzuladen;Sie haben drin’ kein Ohr.Ein jeder Vater lenktDen Sinn auf seine Kinder;Die Mutter sie beschenkt,Denkt sonst nichts mehr noch minder.An's Kindlein niemand denkt.„O lieber, heil’ger Christ!Nicht Mutter und nicht VaterHab ich, wenn du’s nicht bist.O, sei du mein Berather,Weil man mich hier vergißt!“Das Kindlein reibt die Hand,Sie ist von Frost erstarret;Es kriecht in sein GewandUnd in dem Gäßlein harret,Den Blick hinaus gewandt.Da kommt mit einem LichtDurch's Gäßlein hergewallet,Im weißen Kleide schlicht,Ein ander Kind; - wie schalletEs lieblich, da es spricht:„Ich bin der heil’ge Christ,War auch ein Kind vordessen,Wie du ein Kindlein bist.Ich will dich nicht vergessen,Wenn alles dich vergißt;Ich bin mit meinem WortBei Allen gleichermaßen;Ich biete meinen HortSo gut hier auf den Straßen,Wie in den Zimmern dort.Ich will dir deinen Baum,Fremd Kind, hier lassen schimmernAuf diesem offnen Raum,So schön, daß die in ZimmernSo schön sein sollen kaum.“Da deutet mit der HandChristkindlein auf zum Himmel,Und droben leuchtend standEin Baum voll SterngewimmelVielästig ausgespannt.So fern und doch so nah,Wie funkelten die Kerzen!Wie ward dem Kindlein da,Dem fremden, still zu Herzen,Das seinen Christbaum sah!Es ward ihm wie im Traum;Da langten hergebogenEnglein herab vom BaumZum Kindlein, das sie zogenHinauf zum lichten Raum.Das fremde Kindlein istZur Heimat nun gekehret,Bei seinem heil’gen Christ;Und was hier wird bescheeret,Es dorten leicht vergißt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 246-248, Johann David Sauerländer, Frankfurt am Main, 1841
Digitalisat
de.wikisource.org — „Des fremden Kindes heiliger Christ“, Fassung 4.467.062 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Friedrich Rückert starb 1866; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1936 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118603817 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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