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Versbuch

Einladung auf Weihnachten

Friedrich Rückert · 17881866

53 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1838

Jeder kann sich die Welt betrachtenZur Lenzfeier auf seine Weise,Aber das Winterfest WeihnachtenIst gemacht für Familienkreise.

Da nun solch einen Kreis du missest,Sei geladen in meinen frommen,Daß du unter den Kindern wissest,Wozu Christ in die Welt gekommen.

Laß dich nicht reun die wenigen Meilen,Durch Windweben ein rüstiger Schreiter;Um die festliche Luft zu theilen,Reist man im kältern Schweden noch weiter.

Wenig fördert beim spärlichen LichteJetzt die Arbeit, die volles fodert.Bring, wie du pflegst, uns eine Geschichte,Daß der Kamin uns heller lodert.

Komm aus der Still’, um im Saus und BrauseMich zu trösten von all den Buben,Die mir der Winter hält in der Klause,Daß eng werden die weiten Stuben.

Theile des häuslichen Glücks Genüsse,Sieh, vom geputzten Zweige der TannenWie sie schlagen die goldnen Nüsse;Wenn du genug hast, gehst du von dannen.

Aber ich muß, in Fessel geschlagen,Des erlösenden Frühlings warten,Um mit gutem Gewissen zu sagen:Marscht nun, Buben, und lärmet im Garten!

Ich wollte mit dir schmollen,Daß du nicht kommen wollen,Geladen auf Weihnachten;Doch es hat gehen sollenViel anders als wir dachten.

Nun sind die mandelvollenLebkuchen und ChriststollenGebacken auf Weihnachten;Allein die Kinder sollenSie dismal nur betrachten.

Die Seuche kam mit Grollen,Und hieß den Tand sich trollen.Den wir zum Christbaum brachten;Von Scharlach sind verschwollenMünchen, die Purpur lachten.

Wir können zu dem SchadenNun keine Gäste ladenAuf Senf und Fieberrindchen;Wer weiß, ob uns begnadenMag selbst das Christuskindchen!

Doch tret es, ob’s auch MängelHier find’, in unsern Sprengel,Wir harren unbeklommen.Es wird als TodesengelDer Lebensfürst nicht kommen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gesammelte Gedichte, 6. Band, S. 33–34 („Nachtrag“: S. 126–127), Carl Heyder, Erlangen, 1838
Digitalisat
de.wikisource.org — „Einladung auf Weihnachten“, Fassung 846.861 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Friedrich Rückert starb 1866; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1936 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118603817 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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