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Versbuch

Die tiefe Richtung

Frank Wedekind · 18641918

20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Endlich ist der große Tag gekommen,Schon ist das Vergangne schrecklich nah,Doch die Zukunft ist bereits verschwommen;Auch die Gegenwart ist nicht mehr da.

Gott und Mensch und Weltall sind verschwunden,Was einst sein wird, glüht im Morgenrot;Stille stehn die sonst so raschen Stunden,Und gestorben ist nun auch der Tod.

Aus dem Nichts entwickelt sich ein Grausen,Eine Donnerstimme ruft: „Ich bin!“ …Plötzlich jagt es mit GewittersausenDurch den weiten öden Raum dahin.

Alles starrt beklommen rings im Kreise,Niemand blickt dem Andern ins Gesicht;Aus den Tiefen stöhnet sterbend leiseEine Geisterstimme: „Ich bin nicht!“ …

Einem Mädchen nur aus hohem NordenIst die Lösung wunderbar geglückt:Der Poet war Philosoph gewordenUnd der Philosoph verrückt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die tiefe Richtung“, Fassung 3.780.116 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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