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Versbuch

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang

Eduard Mörike · 18041875

39 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1981

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!Welch neue Welt bewegest du in mir?Was ists, daß ich auf einmal nun in dirVon sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,Die aus dem klaren Gürtel blauer LuftZuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.Seh ich hinab in lichte Feenreiche?Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und GedankenZur Pforte meines Herzens hergeladen,Die glänzend sich in diesem Busen baden,Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,Wie um die Krippe jener Wundernacht,Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;Wer hat das friedenselige GedrängeIn meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.

Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?Ists ein verloren Glück, was mich erweicht?Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?– Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:Es ist ein Augenblick, und Alles wird verwehn!

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;Die Purpurlippe, die geschlossen lag,Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der TagBeginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Carl Hanser, 1981
Digitalisat
de.wikisource.org — „An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang“, Fassung 3.779.630 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Eduard Mörike starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118583107 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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