Bei der Marien-Bergkirche von L.
Eduard Mörike · 1804–1875
29 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 28. Februar 1846
O liebste Kirche sondergleichen,Auf deinem Berge ganz allein,Im Wald, wo Linden zwischen EichenUm’s Chor den Maienschatten streun!
Aus deinem grünen Rasen steigenDie alten Pfeiler prächtig auf,An Drachen, Greifen, LaubgezweigenReich bis zum letzten Blumenknauf.
Und Nachtigall und Kuckuck freuenSich dein und ihrer Einsamkeit;Sie kommen jährlich und erneuenDir deine erste Frühlingszeit.
Der Wohllaut deiner OrgeltöneSchläft, ach, manch lieben langen Tag,Bis einmal sich dein Thal der SchöneDeines Geläutes freuen mag.
Dort, wo aus gelbem Stein gewundenDie Treppe hängt, Ein Blumenkranz,Vertieft sich heut in AbendstundenMein Sinn in ihre Zierde ganz.
Sieh! ihre leicht geschlung’nen GliederVerklären sich in rothes Gold!Und horch, die Spindel auf und niederGehn Melodien wunderhold!
Musik der hundertfachen Flöte,Die mit dem lezten Strahl verschwebt,Und schweigt, bis sie die MorgenrötheDes gleichen Tages neu belebt.
E. Möricke.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Morgenblatt für gebildete Leser 1846, Nr. 51, S. 201, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 28. Februar 1846
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bei der Marien-Bergkirche von L.“, Fassung 1.542.711 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Eduard Mörike starb 1875; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1945 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118583107 der Deutschen Nationalbibliothek.
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