Zum Inhalt springen
Versbuch

Weihgeschenk

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

51 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!Shakespeare.

Heute deiner zu gedenken,Deren Grab die Nacht bethaut,Nahen wir mit WeihgeschenkenUnd gedämpftem Klagelaut!Warum war dir’s nicht gegeben,Muthig deinen Tag zu leben?Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Braune, schwermuthvolle Augen,Oeffnet euch ein letztes Mal!Laßt aus euren Tiefen saugenMich noch einen süßen Strahl!O wie hatt’ ich euch so gerne,Traute, träumerische Sterne!Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Wie das Schüttern zarter Saiten,Schlichen sich in jedes HerzDeine stillen Lieblichkeiten,Deiner Züge leiser Schmerz!Feuchte Waldesschatten lagenUeber dir in Lenzestagen –Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Wie ein Reh dem Wald entronnen,Das ein üppig Thal entdeckt,Nahtest schüchtern du den Bronnen,Flohst, vom eignen Bild geschreckt!Aengstlich, wo sich Wege theilen,Seh’ ich zweifeln dich und weilen –Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Zeigte jung ein arger SpiegelDir den Wurm in jeder Frucht?Schwebte nahen Todes FlügelUeber dir mit Eifersucht?Nie hat dich ein Arm umschlossen,Liebe hast du nie genossen –Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Willig stiegest du die StufenNieder in dein frühes Grab,Wandtest dich, von uns gerufen,Lächelnd um – und stiegst hinab!Mit gelassener GeberdeSchiedest du vom Grün der Erde –Heil Dir, Königin der Nacht,Die Dein Mägdlein umgebracht!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 161-163, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihgeschenk“, Fassung 2.086.381 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Conrad Ferdinand Meyer

Alle Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.