Abschied von Corsica
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
30 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Oelbaumsilber, Myrte, Lorbeer, PinieBald im Schnee der Heimath denk’ ich euer –Sanfte Buchten, blaue Meereslinie,Auf dem Abend dunkelnd Burggemäuer!Aus der Schlucht erstrahlend Hirtenfeuer!
Lebet, Corsen, wohl, mir lieb geworden!Vor den Kirchen lüpft ihr leicht die Hüte!Gerne knallt ihr und ein bischen MordenSteckt seit alter Zeit euch im Geblüte –Daß die heil’ge Jungfrau euch behüte!
Klimmend am Gestein des InsellandesLebet wohl, ihr hitz’gen, kleinen Pferde!Wallend um die Krümmungen des Strandes,Lebet, Schafe, wohl! Gedrängte HeerdeMit den weichsten Vließen auf der Erde!
Lebet wohl, ihr grellen Hirtenflöten,Um die Gunst der jungen Corsin werbend!Lebet wohl, ihr warmen Abendröten,In den weiten Himmeln selig sterbend,Erst die Wolken, dann die Fluten färbend!
Märchen, aus dem Tageslicht verschollen,An Ajaccio’s nächt’ger HafenstiegeLebe wohl im dumpfen Wogenrollen!Ehernes Gedröhn der hundert SiegeUm des todten Welterob’rers Wiege!
Schwer entsagt das Aug der offnen Ferne,Schwer das Ohr dem Meereswellenschlage –Unter kält’re Sonnen, blass’re SterneFolget mir, ihr Inselwandertage,Und umklingt mich dort, wie eine Sage …
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 137-138, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Abschied von Corsica“, Fassung 2.084.940 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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