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Versbuch

Das Auge des Blinden

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Durch das Marktgedräng von NamurStelzt ein narb’ger armer Krüppel.– „Leute, bringt mich zu Don Juan!“– „Schweigst du wohl, da ist Don Juan!“

„Schweigst du wohl, da ist Don Juan!“In des Volkes Gasse reitetEin Gespenst am hellen Tage:Don Juan der Oesterreicher –

Don Juan der Oesterreicher,Der im Wein das Gift getrunkenKönig Philipps, seines Bruders,Und Don Juan kennt den Mörder.

Seinen Mörder kennt Don Juan,Auch den armen Krüppel kennt er,Der den Bügel ihm betastet,Der die Hand ihm deckt mit Küssen –

Der ihm deckt die Hand mit Küssen:„Bin zerfetzt wie eine Fahne!Wohne jetzt in Barcelona –Braves Volk, bei meiner Ehre!

Braves Volk, bei meiner Ehre:„Alter, leere dieses Glas mir!“„Alter, kanntest du Don Juan?“„Sprich uns immer von Don Juan!“

Immer sprech’ ich von Don Juan!In den Schenken an dem HafenGab ich tausendmal zum BestenDie Victoria von Lepanto!

Die Victoria von LepantoGab ich tausendmal zum Besten …Hergestelzt bin ich nach FlandernZu dem Abgott meines Lebens!

O Du Freude meines Lebens!Sohn des Kaisers! Kind des Glückes!Deines Volkes Held und Liebling!Ruhmgekrönter junger Feldherr!

Ruhmgekrönter junger FeldherrMit den goldnen Ringelhaaren,Mit den strahlend blauen Augen,Eia schöner Engel Gottes!

Eia schöner Engel Gottes …“Durch die Menge, die des TodesBild betrachtet, geht ein Schauder.Juan, der gespenstig bleiche,

Juan der gespenstig bleicheSucht erstaunt das Aug des Krüppels –Ist es trunken? Loht’s im Wahnsinn?Es ist leer. Es ist erloschen.

Es ist leer. Es ist erloschen.Don Juans zerstörte JugendBlüht in eines Blinden AugeFort in unversehrter Schönheit.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 313–315, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Auge des Blinden“, Fassung 2.249.340 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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