Der Asket
Wilhelm Busch · 1832–1908
30 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Im Hochgebirg vor seiner HöhleSaß der Asket;Nur noch ein Rest von Leib und SeeleInfolge äußerster Diät.
Demütig ihm zu Füßen knietEin Jüngling, der sich längst bemüht,Des strengen Büßers strenge LehrenNachdenklich prüfend anzuhören.
Grad schließt der Klausner den SermonUnd spricht: Bekehre dich, mein Sohn.Verlaß das böse Weltgetriebe.Vor allem unterlaß die Liebe,Denn grade sie erweckt aufs neueDas Leben und mit ihm die Reue.Da schau mich an. Ich bin so leicht,Fast hab ich schon das Nichts erreicht,Und bald verschwind ich in das reineZeit-, raum- und traumlos Allundeine.
Als so der Meister in Ekstase,Sticht ihn ein Bienchen in die Nase.
Oh, welch ein Schrei!Und dann das Mienenspiel dabei.
Der Jüngling stutzt und ruft: Was seh ich?Wer solchermaßen leidensfähig,Wer so gefühlvoll und empfindlich,Der, fürcht ich, lebt noch viel zu gründlichUnd stirbt noch nicht zum letzten Mal.
Mit diesem kühlen Wort empfahlDer Jüngling sich und stieg herniederIns tiefe Tal und kam nicht wieder.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 307–308, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Asket“, Fassung 2.550.660 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
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