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Versbuch

Wundfieber

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

43 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Berggeist, ich höre deine Ströme rauschen –Gieb mir Gehör! Wir wollen Rede tauschen!Du von der Firne mondenhellen Hängen,Ich aus der Krankenkammer schwülen Engen!Denn wisse, Geist, ich liege hier gefangenUnd lasse den geknickten Flügel hangen.Ich ächz’ und stöhne, den gelähmten, wunden,Gebrochnen Arm dicht an den Leib gebunden.Zwei kurzer Wandertage süßes Träumen –Und dich verdroß ein Gast in deinen Räumen.Vom Tische stießest du den freud’gen Zecher,Entrissest mir den eisgewürzten BecherUnd rolltest mich hohnlachend durch die KlüfteHinunter in des Fieberlagers Grüfte.Verräther, schmählich hast du mich betrogen!Hast du mich leise rufend nicht gezogen?Warst du mir lange Jahre nicht gewogen?Und wann in deinem Reich ich mich verirrte,Schritt nicht, wie Zufall, mir voran ein HirteUnd ließ in seine sichern Stapfen tretenBergab mich – ungerufen, ungebeten?Du bist mir gram geworden? Laß dich fragen!Muß ich der führerlosen Fahrt entsagen?Des hohen Irreganges mich entwöhnen?“

Mir gab Bescheid der Geist mit tiefen TönenIm Flutensturz und in der Laue Dröhnen,Es klang wie Droh’n und wieder klang’s wie Höhnen:„Ein junger Wand’rer kam zu mir gefahrenMit hast’gen Schritten und mit weh’nden Haaren.Ein bleiches Bild, so ist er ohne BangenAuf meinen schmalen Gräten umgegangen,Und über Klüften, schwindelnd abgrundtiefen,Aus welchen jubelnd ihn die Wogen riefen,Ist er gewandelt auf gestürzten FöhrenUnd schien in meine Wildnis zu gehören,Ein dumpfer Ton in meinen dumpfen Chören –Du warst’s! Und gingst an eines Abgrunds Saume,Unkundig der Gefahr, in wachem Traume,Doch mir gefiel der Kühne und der Blinde,Und Sorge trug ich dir als einem Kinde –Jetzt, lieber Herr, bist leidlich du vernünftig,Hast Weib und Hof, bist in der Gilde zünftig,Verlaß dich nicht auf meine Flügel künftig!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 96-97, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wundfieber“, Fassung 2.077.641 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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