Weinsegen
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Heut athm’ ich mit den SommerlüftenDie allerfeinsten Würzen ein,Ich kenne dieses seltne Düften:Heut blüht der echte Klosterwein.Hier zog im Land die ersten TraubenZum ersten Liebesmahl der Abt,Der mit dem theuern ChristenglaubenUns öde Heiden einst begabt.
Das Kloster, längst ist’s schon verschwunden,Zerstäubt mit Altar, Gruft und Chor,Doch steigt in diesen Mittagsstunden –So heißt’s – der erste Abt empor.Nicht will er zu der Lese kommen,Wo wild die Kelter überschäumt,Nein, wie sich ziemt für einen Frommen,Wann mystisch süß die Blüthe träumt.
Was dort? Wer öffnet still das Gatter?Berauscht die starke Würze mich?Ein wallend blankes RockgeflatterBewegt sich sacht und feierlich!Es ist der Abt. Ich sehe bückenDas edelgreise Haupt ihn dort,Die frechen Nachbarskinder drückenSich schleunig durch die Hecke fort.
Er prüft genau die zarte Blüte,Die jungen Schoße licht und grün,Sein Angesicht ist voller GüteUnd voll von herzlichem Bemühn.Hochwürden blickt so hell und heiter,Dies Jahr geräth der Wein wie nie!Er wandelt zu den Stufen weiterUnd geisterleicht ersteigt er sie.
Schon auf des Weinbergs Höhe schreitetEr bei dem kleinen Winzerhaus.Er setzt sich auf die Bank. Er breitetDie Geisterhände mächtig aus.Er segnet seine Klosterreben,Sein eigen vielgeliebtes Kind,Uns Ketzer segnet er daneben,Die seines Weinbergs Erben sind.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 57f., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weinsegen“, Fassung 1.330.201 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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