Vision
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Als ich jüngst vom Pfad verirrt war,Wo kein Jäger und kein Hirt war,Führt’ ein Licht aus dunkelm TannMich an eines Hüttleins Schwelle,Drin bei matter AmpelhelleEine greise Parze spann.
Draußen schlug der Wind die Schwingen,Und die Bergesströme singenHört’ ich ihren dunkeln Sang …Und ich sah den Faden schweben,Und der Faden schien ein Leben –Meines? dacht’ ich zauberbang.
Wage, Mensch, die höchsten Flüge,Deiner Parze starre ZügeSehen längst das nahe Ziel!Tummle dich, ein kühner Ringer:Ihre hagern, harten FingerEnden bald das edle Spiel …
Eine Thräne seh’ ich schimmern?An der Wand mit SilberflimmernHangt ein dürrer Todtenkranz …Irgend einen alten JammerIn der Alpenhütte KammerSpinnt ein Weib im Ampelglanz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 88, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vision (Meyer)“, Fassung 2.007.875 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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