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Versbuch

Über einem Grabe

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

34 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Blüthen schweben über deinem Grabe.Schnell umarmte dich der Tod, o Knabe,Den wir Alle liebten, die dich kannten,Dessen Augen wie zwei Sonnen brannten,Dessen Blicke Seelen unterjochten,Dessen Pulse stark und feurig pochten,Dessen Worte schon die Herzen lenkten,Den wir weinend gestern hier versenkten.

Maiennacht. Der Sterne mildes Schweigen ...Dort! ich seh’ es aus der Erde steigen!Unterm Rasen quillt hervor es leise,Flatterflammen drehen sich im Kreise,Ungelebtes Leben zuckt und lodertAus der Körperkraft, die hier vermodert,Abgemähter Jugend letztes Walten,Letzte Glut verraucht in Wunschgestalten,Eine blasse Jagd:

Voran ein Zecher,In der Faust den überfüllten Becher!Weh’nde Locken will der Buhle fassen,Die entflatternd nicht sich haschen lassen,Luftgestachelt ruft er hinter jenen,Ein verhülltes Mädchen folgt in Thränen.Durch die Brandung mit verstürmten HaarenSeh’ ich einen kühnen Schiffer fahren.Einen jungen Krieger seh’ ich toben,Helmbedeckt, das lichte Schwert erhoben.Einer stürzt sich auf die Rednerbühne,Weites Volksgetos beherrscht der Kühne.Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben!Arme strecken sich und Kränze schweben –

Kränze wenn du lebtest, dir beschieden,Nicht erreichte!Knabe, schlaf’ in Frieden!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Über einem Grabe“, Fassung 2.173.991 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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