Zum Inhalt springen
Versbuch

Thespesius

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

34 Zeilen · zuerst gedruckt 1882

Zwei Greise ruhten unter einer Pinie,Stab neben Stab, an einer Quelle klarer Flut,Wo wandernd sie begegnet sich von ungefähr.Sie führten Zwiegespräch und sie behagten sich.– „Man nennt mich Eukrates, und wer, mein Freund, bist du?“– „Mich nannten Aridaeus lange Jahre sie,Seit langen Jahren bin ich nun Thespesius.“– „Zwei Namen trugst du?“ – „Beide Namen, Eukrates.Hör’ an! Ein Jüngling, peitscht’ ich rasend das Gespann.Die Rosse flogen. Becher, Buhlen, Würfelspiel,Wuth, Zorn, vergossen Blut – verklagend Blut!Dem ich entfloh, die Eumeniden hinter mir –Sie folgten meiner raschen Füße schnellstem Lauf,Ich warf mich in den Fluß, sie sprangen jauchzend nachUnd hoben schwimmend ihrer Fackeln düstre Glut.Ich klomm bergan – verirrt stürzt’ ich von einer Wand –Die Sinne schwanden mir. Dann lebt’ ich wieder – war’sIm Traum? – und schritt auf einem weichen Wiesengrün,Wo Sel’ge – solche schienen sie – lustwandeltenIn still bewegten Schaaren. Kränze trugen sie.Den Einen kannt’ ich wohl und ward von ihm erkannt:Mein Blutsverwandter, welcher jüngst geschwunden warAus dieser Erde Staub nach einem reinen Lauf.Der sprach mich an: „Ich grüße dich, Thespesius!“ –„Wozu der neue Name, wundersamer Ohm?Wie nennst du mich? Dein Aridaeus bin ich ja!“Die Locken schüttelt’ leis er, die ambrosischen:„Und abermals, ich grüße dich, Thespesius!“ –Jetzt wacht’ ich wirklich auf. Am Hange lagIch blutbedeckt, von gier’gen Raben schon umschwärmt –Was mehr? Ich ward ein Andrer. Nicht mit kleinem Kampf!Der Kampf ist groß! Mein neuer Name stärkte mich,Der makellose, der so rein und göttlich klang!Hab’ gute Fahrt!“ – „Fahr' wohl auch du, Thespesius!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 193-194., 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Thespesius (Meyer)“, Fassung 2.086.335 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Conrad Ferdinand Meyer

Alle Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.