Tarpeja
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Am Brunnen überfluthet im DämmerlichtDer volle Krug und die Mägde merken’s nicht,Denn Nina plaudert: „Freundinnen, wisst ihr wohl,Daß Eine sitzt im Gestein am Capitol?
Mein Schatz, der Beppo, hat sie unlängst gesehnVor ihrem runden Silberspiegel stehn,Die sich zu Haupt das güldene Krönlein hub –Mein Schatz, der Beppo, da er nach Münzen grub.
Er schlüpfte durch einen schmalen Felsengang,Er tappte sich einen finstern Pfad entlang –Sie glomm in Höllenlicht! Er rief: „Wie schön!“Die Treppe brach mit donnerndem Getön.
Sie war des römischen Castellanes KindUnd sie verrieth die Burg und das Burggesind!Mit Fingerdeut bedang sich die schlaue MaidDes Feindes Helmgekrön und Schildgeschmeid!
Die Krönlein all und die Stein’ und die goldnen Ring’Beäugelt’ sie, die in Feindes Lager ging!Sie öffnet’ ihm ein Thor mit sünd’gem MutUnd sah des Vaters Haupt, es schwamm in Blut.
Doch da am Feinde sie die Löhnung sucht’,Ward sie mit Hohn erdrückt und mit Schildeswucht,Sie stürzte, von ihrem eigenen Hort entseelt,Erstickt vom Lohne den sie selbst gewählt.
Dann grub die Zeit sie tief und tiefer ein,Sie sank hinunter, hinab ins Felsgestein,Hinab, hinunter viel hundert Klafter tiefMit ihrem gleißenden Hort, darin sie schlief.
Da seitz die arme Seele nun in PeinUnd putzt, die eitle, sich mutterseelallein –Tarpeja, gieb heraus der Kettlein drei!Wir tragen’s den Knaben zu Lust in Lüften frei!
Tarpeja, gleite durch den FelsenspaltDrei Kettlein und drei goldene Ringlein bald!Tarpeja lieb! Wir sind zufrieden, giebstDu nur, was du verächtlich bei Seite schiebst.
Der Beppo sagt: weil du begingst Verrat,Bist du verdammt für deine Missethat!Behüt’ mich Gott! In Ewigkeit verdammt!Weil dir nach rothem Gold das Herz geflammt.
Man hört es oft – so sagt er – wie du lachstWann du dich schön vor deinem Spiegel machst!Man hört es oft – so sagt er – wie du weinst,Weil nicht du kommst in den schönen Himmel einst!
Tarpeja lieb, entsage der bösen Lust!Tarpeja, gieb die Kettlein um Hals und Brust!Wir beten, Arge, für dich den Rosenkranz,Du steigst empor, empor in den Himmelsglanz!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 126-127, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Tarpeja“, Fassung 2.086.334 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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