Venedig
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
22 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Die Narde.(Nach einem venezianischen Bilde.)
Die brave Marthe that, was sie vermocht’,Sie rupfte, spickte, briet und sott und kocht’,Sie schob dem Herrn die braunsten Kuchen zu,Und: „Diesen“, sagt’ sie, „Herr, versuche Du!“
Maria nahte, die den schlanken Krug,Gefüllt mit einer seltnen Narde, trug.Sie neigt’ das Knie, den Krug. Die Narde floß.Sie neigt’ das Herz, das strömend sich ergoß.
In der beseelten Hand Mariens ruht’Der edle Fuß. Drauf quoll der Narde Flut.Ihn abzutrocknen löste sie des HaarsGeschlungnen Knoten. Blond und seiden war’s.
Ein spitz Geflüster regte sich am Tisch,Wie der getretnen Viper scharf Gezisch:„Das duftet! Tausend oder mehr DenarVerduften mit! Ich wollt’ wir hätten’s baar!
Bei Levi legten wir’s auf Zins geschwindUnd draus erzögen wir ein Waisenkind –“„Still,“ sagt’ der Göttliche, „laß unentweiht,Judas! Wer liebt, verschwendet allezeit.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 121, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Narde“, Fassung 3.541.182 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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