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Versbuch

Milton's Rache

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

42 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Am Grab der Republik ist er gestanden,Doch sah er nicht des Stuart Schiffe landen,Ihn hüllt’ in Dunkel eine güt’ge Macht:Er ist erblindet! Herrlich füllt mit lichtenGebilden und dämonischen GesichtenDie Muse seines Auges Nacht …

Ein eifrig Mädchenantlitz neigt sich nebenDer müden Ampel, seine Finger schweben,Auf leichte Blätter schreibt des Dichters KindMit eines Stiftes ungehörtem GleitenDie Wucht der Worte, die für alle ZeitenIn Marmelstein gehauen sind …

Er spricht: „Zur Stunde, da“ – Hohnrufe gellen,Das Haupt, das blinde, bleiche, zuckt in grellen,Lodernden Fackelgluten, zürnt und lauscht …Durch Londons Gassen wandern um die HordenDer Cavaliere, Schlaf und Scham zu morden,Von Wein und Uebermuth berauscht:

„Schaut auf! Das ist des Puritaners Erker!Der Schreiber hält ein blühend Kind im Kerker!Der Schuhu hütet einen duft’gen Kranz!Wir schreiten schlank und jung, wir sind die SündenUnd kommen ihr das Herzchen zu entzündenMit Saitenspiel und Reigentanz!

Vertreibt den Kauz vom Nest! Umarmt die Dirne!“Geklirr! Ein Stein! … Still blutet eine Stirne,Den Vater schirmt das Mädchen mit dem Leib,Die Bleiche drückt er auf den Schemel nieder,Ein Richter, kehrt zu seinem Lied er wieder:„Nimm deinen Stift, mein Kind, und schreib!

Zur Stunde, da des Lasterkönigs KnechteUmwandern, die Entheiliger der Nächte …Zur Stunde, da die Hölle frechen SchallsAufschreit, empor zu den erhabnen Thürmen …Zur Stunde, da die Riesenstadt durchstürmenDie blut’gen Söhne Belials .....“

So sang mit wunder Stirn der geisterblassePoet. Verschollen ist der Lärm der Gasse,Doch ob Jahrhundert um Jahrhundert flieht,Von einem bangen Mädchen aufgeschrieben,Sind Miltons Rächerverse stehn geblieben,Verwoben in sein ewig Lied.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 332, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Milton’s Rache“, Fassung 2.428.293 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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