Unser Friede
Theodor Fontane · 1819–1898
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(Sommer 1844.)
Ein Sommertag, wo man zu tieferSiesta sich verpflichtet hält,Wo Mücken nur und UngezieferSo recht lebendig in der Welt,Wo giftger Pesthauch auf zum HimmelAus stehenden Gewässern steigt,In deren Schlamm sich das GewimmelVielbeinigen Gewürmes zeigt:
Das ist der Friede, der uns schlimmerAls je ein Krieg zu werden droht,Der, fiel der Würfel, uns noch immerEin offen Feld für Thaten bot;Genüßler hegt jetzt uns’re Jugend,Und Stockgelehrte allenfalls,Doch jeder Kraft und MännertugendBrach dieser Friede längst den Hals.
Doch wird die Sonn’ erst unerträglich,Und dörrt den Wald, und sengt die Flur,Da hilft sich, auf gut-sommertäglich,Mit einem Schlage die Natur;Die Donnerwolke blitzt und wettertUnd nimmt der Luft den giftgen Hauch,Und wird auch mancher Baum zerschmettert,In faule Sümpfe schlägt es auch.
Welch Friede dann, wenn segenstrahlendDie Sonn’ im Westen untergeht,Und dunkle Pupurrosen malend,Der Himmel wie in Flammen steht!Wir baden uns im Hauch der Frische,Wie neugeboren ist das All,Und in des Baumes BlätternischeSchlägt lieblicher die Nachtigall.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 325–326, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Unser Friede (Fontane)“, Fassung 1.676.497 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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