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Versbuch

Mourir ou parvenir!

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Herr Heinrich Guise schrieb. Da rauscht’ Gewand –Es war sein Lieb, das aus der Kirche kam,Sein zärtlich Lieb, der schäkernd aus der HandEr das mit Gold beschlagne Meßbuch nahm.Er blättert’ drin. Hell war’s von FarbenglutUnd keck verschlungner Arabeskenzier –„Geliebter, dich verdirbt dein Uebermuth!Hinweg! Entflieh von hier!

Du bist zu hoch! Der König, feig und schlau,Bebt wie ein Kind vor deinen mächt’gen Braun!Dich haßt er tödtlich – glaub es einer Frau!Ihn sah ich lächeln jüngst – mich schüttelt Graun!“Zur Feder griff er. „Flora, schlanke Fei!Wie könnt’ ich leben,“ seufzt’ er, „fern von dir?“Und schrieb ins Meßbuch, wo die Zeile frei:Mourir –

– „Versuche Gott nicht! Das Verderben reift!Hinweg aus Blois! Mein Alles, Schmerz und Lust!Ich weiß: in diesem Augenblicke schleiftDer Meuchelmord ein Schwert für deine Brust!“Der Herzog schrieb in ihrem Buche fort,So viel ihm Raum gewährte das Papier,Als wär’ es ein erbaulich Bibelwort:– Ou parvenir!

„Mich so zu quälen! Schlimm hat mir geträumt!Mein Gott! Du wandest dich in Todesschmerz!Hinweg! Jetzt! Heute! Hörst du? Nicht gesäumt!“Sein Liebchen zog er kosend an das Herz,Sie senkte des bethränten Auges Glanz –In kühnen Zügen stand der Spruch vor ihr,Umrankt von einem üpp’gen Blumenkranz:Mourir ou parvenir!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 321–322, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Mourir ou parvenir!“, Fassung 2.092.363 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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