Zum Inhalt springen
Versbuch

Jung Tyrrel

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1882

„Jung Tyrrel, fuhrest über See?Jung Tyrrel, mir willkommen hie!Sahst du so dunkle Forste je?So stolze Forste sahst du nie!

Ein englisch Wild erst umgebracht!Dann geb’ ich dir ein englisch Lehn!“Jung Tyrrel, dem das Herze lacht,Läßt seine blanken Zähne sehn.

„Wer heut den besten Schuß mir thut,Den Achtzehnender mir erlegt,Der nehme sich als LehensgutDen Königsforst der ihn gehegt!

Zu schwör’ ich dir’s auf diesen Bart,Der feuerroth die Brust mir deckt!Zu Wald! Zu Wald! Der Rappe scharrt!Die Bracke spürt! Der Rüde bleckt!“

Herr Wilhelm stößt ins Jägerhorn,Ein Geier krächzt in seinem Horst,Die Wipfel peitscht ein dunkler Zorn,Es braust und tost. Dann schweigt der Forst.

Herr Wilhelm schlägt mit Tyrrel Rath:„Ich links, du rechts! Fort! Gute Birsch!“Es knirscht das Laub darauf er trat.In heller Lichtung ätzt ein Hirsch:

Ein Rothhirsch der vier Ellen mißt,Daß sich ein Jägerherze freut,Der dieses Forstes König ist,Mit weit verästetem Gestäud.

Her raunt’s aus WaldesfinsternißZu Tyrrel, der sich duckt ins Moos:„Verdammt daß mir die Sehne riß!Du drück in Teufels Namen los!“

Herr Tyrrel lauscht. „Wer sprach das Wort?“Ein Weilchen schweigt’s im Laubesdach.„Schieß, Tyrrel!“ raunt’s von anderm Ort.Er schießt. Genüber stöhnt ein Ach.

Herr Tyrrel, das war schlimme Birsch!Im Dickicht rinnt ein Bächlein rot.Ihr fehltet Englands größten HirschUnd schosset Englands König todt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 253–254, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Jung Tyrrel“, Fassung 2.085.776 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Conrad Ferdinand Meyer

Alle Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Realismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.