Ich hab in einem alten Buch gelesen
Wilhelm Busch · 1832–1908
23 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Von einem Jüngling, welcher schlimm gewesen.Er streut sein Hab und Gut in alle Winde.Von Lust zu Lüsten und von Sünd zu Sünde,In tollem Drang, in schrankenlosem StrebenSpornt er sein Roß hinein ins wilde Leben,Bis ihn ein jäher Sturz vom FelsenrandDahingestreckt in Sand und Sonnenbrand,Daß Ströme Bluts aus seinem Munde dringenUnd jede Hoffnung fast erloschen ist.
Ich aber hoffe – sagt hier der Chronist –Die Gnade leiht dem Jüngling ihre Schwingen.
Im selben Buche hab ich auch gelesenVon einem Manne, der honett gewesen.Es war ein Mann, den die Gemeinde ehrte,Der so von sechs bis acht sein Schöppchen leerte,Der aus Prinzip nie einem etwas borgte,Der emsig nur für Frau und Kinder sorgte;Dazu ein proprer Mann, der nie geflucht,Der seine Kirche musterhaft besucht.Kurzum, er hielt sein Rößlein stramm im ZügelUnd war, wie man so sagt, ein guter Christ.
Ich fürchte nur – bemerkt hier der Chronist –Dem Biedermanne wachsen keine Flügel.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Kritik des Herzens. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 2, S. 510-511, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ich hab in einem alten Buch gelesen“, Fassung 3.779.836 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.