Toast auf Kaiser Wilhelm
Theodor Fontane · 1819–1898
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Am 11. November (25jähriges Bestehen der Schillerstiftung) 1884.
An uns vorüber zog ein festlich Spiel,Wir sahen Freundschaft, Liebe hülfreich waltenUnd folgten gern der Dichtung schönem Ziel:Uns der Erkenntniß Spiegel vorzuhalten;Ein Mahnwort war’s; und eh’ der Vorhang fielErschien im Kranz erst werdender GestaltenDer Dichter-Fürst. Ihn schmückten Lorbeer-Reiser, –Der erste Trinkspruch aber unsrem Kaiser!
Dem Kaiser, ihm, der unser Schirm und Schild,Ihm, der uns Hut und Hort auf unsren Wegen, –Am Fenster steht er, grüßt uns freundlich mild,Und jeden trifft’s, als träf ihn Heil und Segen;Ein Talisman wird uns sein hehres Bild,Ein Hoffnungskeim, den wir im Herzen hegen,Als müsse fortan auf uns niedersteigenEin Theil der Göttergnade, die sein eigen.
Ja, in der Horen wechselvollem Tanz –Er sprach es selbst – erfuhr er viel der Gnaden,Doch der ihm vorbestimmte SiegeskranzWard auch erkämpft auf dornenreichen Pfaden;Mit Zwangeskraft, weil Pflicht sein Leben ganz,Hat er das Glück an seinen Tisch geladen,Das Glück auch ihn, – doch wozu theilen, scheiden,Er war zu groß, um Größe zu beneiden.
An Siegen fast noch reicher als an Jahren,Krönt Demuth ihn als seine hellste Zier,Ob Höchstes oder Tiefstes er erfahren,Er weiß es wohl, der Urquell quillt nicht hier;Wie ruhmbegleitet seine Wege waren,Er weist hinauf: „Ihm Ehr und Preis, nicht mir,“Uns aber ziemt das Wort zu dieser Frist:Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 345–346, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Toast auf Kaiser Wilhelm“, Fassung 1.718.099 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.