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Versbuch

Frau Agnes und ihre Nonnen

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

52 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Ein Klosterhof, ein Lenzestag!Ein schwarzer Lindenschatten,Wo der gekrönte Habsburg lagErstochen auf den Matten.

Frau Agnes, die gestrenge Frau,Des Vaters Blut zu rächen,Rief mordend aus: „Ich bad’ in Thau!“Und schritt in roten Bächen.

Sie freute sich in warmes BlutDie Knöchel einzutauchen,Sie warf in stille Dörfer Glut,Sie ließ die Burgen rauchen.

Nachdem Gericht gehalten war,Vollbracht die Todtenfeier,Verbarg sie das MedusenhaarMit einem Nonnenschleier.

Sie schuf ein Kloster, wo hervorAus Grüften Geister schweben,Sie füllt’ mit Blumen an den Chor,Mit lauter jungem Leben:

Sie raubt das krause BlondgelockManch einem Edelkinde,Beschert ihm einen schwarzen RockUnd eine blanke Binde.

Sie geißelt sich den weißen Leib,Bis rothe Tropfen rinnen,Sie will, das unbarmherz’ge Weib,Den zarten Heiland minnen.

Dort sitzt sie unter LindennachtAm kühlen Klosterbronnen,Sie hat die Bibel mitgebrachtZur Andacht ihrer Nonnen.

Am Gatter lauschen Kinder scheuMit frisch gepflückten Veilchen,Ein Weiblein hinkt mit Holz vorbei,Bückt tief sich vor den Heil'gen.

Dem jüngsten Nönnchen giebt das BuchSie jetzt, der lieblich Bleichen:„Wir blieben bei Sankt Pauli Spruch.Sieh her! Da steckt das Zeichen!“

Die Zarte, die das Buch empfing,Beschaut Sankt Paulum denkend.Sie liest. Ihr lauscht der Schwestern Ring,Die Wimper züchtig senkend –

„Was frommte mir die Fastenzeit,Was frommten Geißelhiebe,Was frommt’ es, trüg ich hären Kleid,Und mangelte der Liebe?“

Da hebt ein Seufzer manche BrustIm Nonnenrock erbaulichUnd manche kecke LebenslustBlickt traurig und beschaulich …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 263–265, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Frau Agnes und ihre Nonnen“, Fassung 2.085.715 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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