Gespenster
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
14 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Am Horizonte glomm des Abends Feuer;Ich stieg, indeß die Purpurglut verblich,Zum Römerthurm empor und lehnte michRandüber auf das dunkelnde Gemäuer –
Und sah, wie sich am Hange scheu und scheuerDie Beerenleserin vorüberschlich.Das arme Weibchen drückt’ und duckte sich,Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer ....
Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich nebenDer Brüstung flüstert’s: „Freund, in deinem LebenIst auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!
Führt dich Erinn’rung dem zerstörten OrtVorbei, du huschest noch geschwinder fort,Als das von Graun gepackte Weibchen dort.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte Seite 99, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gespenster (Meyer)“, Fassung 2.009.464 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.