Hesperos
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
34 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Ueber schwarzem TannenhangeSchimmerst mir zum Abendgange,Eine Liebe fühl’ ich neigenSich in deinem Niedersteigen,Unbemerkt bist du gekommen,Aus der blassen Luft entglommen –So mit ungehörten TrittenDurch die Dämm’rung hergeglittenKam die Mutter, die mir legteAuf die Schulter die bewegteHand, daß ich ihr nicht verhehle,Was ich leide, was mich quäle,Und warum ich ohne KlageMich verzehre, mich zernage.Und ich schwieg und unter ZährenLieß sie meinen Trotz gewähren.Hat sie Wohnung jetzt, die Milde,Dort in deinem Lichtgefilde?Deiner Strahlen saug’ ich jeden,Durch das Dunkel hör’ ich reden,(Und mir ist als ob die kühleHand ich auf der Schulter fühle)Reden nicht von Seligkeiten,Nur Erinn’rung alter Zeiten –Jetzt versteht sie ohne KundeWer ich bin im Herzensgrunde,Dies und jenes muß sie schelten,Andres läßt sie heiter gelten,Und sie meint, wie sich’s entschieden,Gebe sie sich auch zufrieden …Abendstern, du eilst geschwinde!Laß sie plaudern mit dem Kinde!Freundlich zitternd gehst du nieder …Mutter, Mutter, komme wieder!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 151-152, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Hesperos“, Fassung 2.085.763 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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