Bedächtig
Wilhelm Busch · 1832–1908
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Ich ging zur Bahn. Der AbendzugKam erst um halber zehn.Wer zeitig geht, der handelt klug.Er kann gemütlich gehn.
Der Frühling war so warm und mild,Ich ging wie neubelebt,Zumal ein wertes FrauenbildMir vor der Seele schwebt.
Daß ich sie heut noch sehen soll,Daß sie gewiß noch wach,Davon ist mir das Herz so voll,Ich steh und denke nach.
Ein Häslein, das vorüberstiebt,Ermahnt ich: Laß dir Zeit,Ein guter Mensch, der glücklich liebt,Tut keinem was zuleid.
Von ferne aus dem WiesenteichErklang der Frösche Chor,Und überm Walde stieg zugleichDer goldne Mond empor.
Da bist du ja, ich grüße dich,Du traulicher Kumpan.Bedächtig wandelst du wie ichDahin auf deiner Bahn.
Dies lenkte meinen DenkersinnAuf den Geschäftsverlauf;Ich überschlug mir den Gewinn.Das hielt mich etwas auf.
Doch horch, da ist die Nachtigall,Sie flötet wunderschön.Ich flöte selbst mit sanftem SchallUnd bleib ein wenig stehn.
Und flötend kam ich zur Station,Wie das bei mir Gebrauch.O weh, was ist das für ein Ton?Der Zug der flötet auch.
Dort saust er hin. Ich stand versteint.Dann sah ich nach der UhrWie jeder, der zu spät erscheint.So will es die Natur.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 315–316, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bedächtig“, Fassung 3.779.274 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
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