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Versbuch

Die Dryas

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

56 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1882

O Liebe, wie schnell verrinnest du,Du flüchtige, schöne Stunde,Mit einer Wunde beginnest duUnd endest mit einer Wunde.

Ein Jüngling irrt in Waldesraum,Umspielt von goldnen Schimmern,Und späht nach einem schönen Baum,Sich draus ein Boot zu zimmern.

Jungeiche mit dem stolzen Wuchs,Du bist mir gleich die rechte,Dich zeichn’ ich mit dem Beile flugs,Dann ruf ich meine Knechte.

Er führt den Streich. Ein schmerzlich AchMacht jählings ihn erbleichen.„Ich sterbe!“ stöhnt’s im Stamme schwach,„Die jüngste dieser Eichen!“

Ein Tröpfchen Blutes oder zweiSieht er am Beile hangenUnd schleudert’s weg mit einem Schrei,Als hätt’ er Mord begangen.

Schnell flüstert’s aus dem Baume jetzt:„Der Mord ist nicht vollendet!Ich bin nur leicht am Arm verletzt.Ich hatt’ mich umgewendet.“

„Komm, Göttin“, fleht er, „Waldeskind,Daß ich Vergebung finde!“Die Schultern schmiegend schlüpft geschwindDie Dryas aus der Rinde.

Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar,Ein Brüten und ein Weben,Von grünem Blätterschatten warDer schlanke Wuchs umgeben.

Er fing den Arm zu küssen an,Die Stelle mit dem Hiebe,Und, der er viel zu Leid gethan,Die that ihm viel zu Liebe.

„In meinem Baum – ist lauter Traum“ ...Sie schlüpft zurück behendeUnd lispelt in den Waldesraum:„Ich weiß, wen ich dir sende!“

Der Botin Biene Dienst ist schwer,Sie muß sich redlich plagen,Honig und Wermuth hin und her,Waldaus, waldein zu tragen.

Einmal kam Bienchen wild gebrummt.„Dryas, mich kann’s entrüsten!“Es setzt sich an den Stamm und summt:„Ich sah’s wie sie sich küßten!

Sie ist ein blühend Nachbarkind,Muß ihn beständig necken –Dich läßt er nun bei Wetter und WindIn deinem Baume stecken!“

Ein schmerzlich Ach, als wände sichEin schlanker Leib und stürbe!Das Laub vergilbt, die Krone blich,Die Rinde bröckelt mürbe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Dryas“, Fassung 3.489.082 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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