Die Ampel
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
21 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
An des Jahres Wende sprach ich: Muse,Keiner Mutter Hand bescheert mich! Gieb mirDu mein Angebinde, Muse! fleht’ ich.In die Kammer lauschend von dem Lager,Sah ich bald der Schwestern eine schreiten.Auf mein Tischchen setzt’ sie einer AmpelZarte Form mit schlankgeschweiften Henkeln,Aber die mir keineswegs antik schien.Ich erschrack. Was meinst du, Muse? Räthst DuNächtlich auszufeilen meine Verse?Schon entschwebend wandte sie das AntlitzHalb. Ich sah des Musenhauptes edelnUmriß mit den spottend feinen Lippen …Als ich dann in neuem Jahr erwachte,Keine Ampel! Doch ich fand sie wieder –Und erkannte gleich sie an der zartenForm und an den schlankgeschweiften Henkeln –In des Liebchens Hand, das mir die TreppeNächtlich hellt mit stillen Ampelstrahlen.Scheidend auf die letzte Stufe setzt’ sieDas Geschenk der Muse sacht und küßt’ mich.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 156, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Ampel“, Fassung 3.473.247 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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