Die alte Brücke
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Dein Bogen, grauer Zeit entstammt,Steht manch Jahrhundert außer Amt;Ein neuer Bau ragt über dir:Dort fahren sie! Du feierst hier.
Die Straße, die getragen du,Deckt Wuchs und rothe Blüthe zu!Ein Nebel netzt und tränkt dein Moos,Er steigt aus dumpfem Reußgetos:
Mit einem luftgewobnen KleidUmschleiert dich VergangenheitUnd statt des Lebens geht der TraumAuf deines Pfades engem Raum.
Das Carmen, das der Schüler sang,Träumt noch im Felsenwiederklang,Gewieher und DrommetenhallTräumt und verdröhnt im Wogenschwall.
Der Kaiser ritt auf deinem Steg,Du warst nach Rom der arge Weg,Und Parricida, frevelblaß,Ward hier vom Staub der Welle naß.
Du brachtest nordwärts manchen Brief,Drin römische Verleumdung schlief –Gemengt mit Söldnern beuteschwerSchlich Pest und schwarzer Tod daher!
Vorbei! Vorüber ohne Spur!Du fielest heim an die Natur,Die dich umwildert, dich umgrünt,Vom Tritt des Menschen dich entsühnt!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 82–83, 1. Auflage, H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die alte Brücke“, Fassung 2.363.528 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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