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Versbuch

Das Geisterroß

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

78 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Durch den dreigetheilten Bogen,Des Triumphes prangend Thor,Durch die lauten MenschenwogenDort zum Capitol emporLenkt den Tanz der weißen PferdeCäsar’s lässige Geberde.

Hinter des Triumphes WagenDuldend oder grollend gehnUeberwundne. Ketten tragenCäsar’s lebende Trophä’n.„Dieser!“ höhnt es im Gedränge,„Dieser Trotz’ge!“ zischt die Menge.

Unberührt vom Hohn der Stunde,Starren, traumgefüllten Blicks,Geht, ein Singen auf dem Munde,Ruhig Vercingetorix –Fremde Weise, fremde Worte,Mit dem Geist an fremdem Orte:

„Cäsar, blendend weiße RosseHat Hispanien dir gebracht!Ellid, edler Ahnen Sprosse,Dunkel ist er wie die Nacht –Deine Schimmel, deine viere,Tauscht’ ich nicht mit meinem Thiere …

Ellid heißt der wackre Jager,Stark von Wuchs und fest im Bug,Welcher mich ins RömerlagerMit gewalt’gen Sprüngen trug …Der zum Opfer ich gegebenMich für meines Volkes Leben!

Dreimal flog ich um im Kreise,In der Faust des Schwertes Blitz,Noch im Lauf, nach Gallier Weise,Sprang ich ab vor Cäsar’s Sitz …Ellid schickt’ ich zu den TodtenMir voran als meinen Boten!

Wie er mir ins Antlitz schnaubte,Stieß ich, Blick versenkt in Blick,Hinter seinem mächt’gen HaupteStracks das Schwert ihm durchs Genick …Daß mir eines Rosses EhreMangle nicht im Geisterheere.

Ellid sprengt seit langen JahrenMitten in der bleichen Jagd,Wann daheim die Todten fahrenDurch die Wälder, bis es tagt …Sehn sie meinen led’gen Renner,Wundern sich die stillen Männer …

Lange Jahre lag gebundenIch in feuchter Kerkergruft –Kettenschwere, dumpfe Stunden –Endlich wieder Tag und Luft –Ellid, schwarzer Ellid, sputeDich! Du witterst, wo ich blute!

Heute endlich! Endlich heute!Wann der Kahle schwelgt am Mahl,Würgt er seine SiegesbeuteMit dem letzten müden Strahl …Wann die Sonne niedergleitet,Wird mir Block und Beil bereitet.

Henker, nimm das Beil zu Händen!Nicht das Beil? … So nimm den Strang!Droßle mich! Nur enden, enden!Letzte Schmach! Sie währt nicht lang …Ellid’s kurzes HufgestampfeHör’ ich nahn im Todeskampfe!

Sterbend pack’ ich Ellid’s Haare,Ein Befreiter spring’ ich auf,Fahre, schwarzer Ellid, fahre!Nach der Heimat nimm den Lauf!Wogen tosen! Rhodan’s Stimme!In den Strom, mein Thier, und schwimme!“

Cäsar’s Schimmel blähn die Nüstern.„Ave Triumphator!“ schallt.Des Gebundnen Lippen flüstern:„In der Heimath bin ich bald!Ellid mit gestrecktem JagenWird mich nach der Heimath tragen!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 206–209, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das Geisterroß“, Fassung 2.228.658 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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