Der Geist
Wilhelm Busch · 1832–1908
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Es war ein Mägdlein froh und keck,Stets lacht ihr Rosenmund,Ihr schien die Liebe LebenszweckUnd alles andre Schund.
Sie denkt an nichts als an Pläsier,Seitdem die Mutter tot,Sie lacht und liebt, obgleich es ihrDer Vater oft verbot.
Einst hat sie frech und unbedachtDen Schatz, der ihr gefällt,Sich für die Zeit um MitternachtZum Kirchhof hinbestellt.
Und als sie kam zum Stelldichein,O hört, was sich begab,Da stand ein Geist im MondenscheinAuf ihrer Mutter Grab.
Er steht so starr, er steht so stumm,Er blickt so kummervoll.Das Mägdlein dreht sich schaudernd umUnd rennt nach Haus wie toll.
Es wird, wer einen Geist gesehn,Nie mehr des Lebens froh,Er fühlt, es ist um ihn geschehn.Dem Mägdlein ging es so.
Sie welkt dahin, sie will und magNicht mehr zu Spiel und Tanz.Man flocht ihr um JohannistagBereits den Totenkranz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 320-321, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Geist“, Fassung 3.779.302 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
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