Der kluge Kranich
Wilhelm Busch · 1832–1908
46 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Ich bin mal so, sprach Förster Knast,Die Flunkerei ist mir verhaßt,Doch sieht man oft was Sonderbares.
Im Frühling vor fünf Jahren war es,Als ich stockstill, den Hahn gespannt,Bei Mondschein vor dem Walde stand.Da läßt sich plötzlich flügelsausendEin Kranichheer, wohl an die tausend,Ganz dicht zu meinen Füßen nieder.Sie kamen aus Ägypten wiederUnd dachten auf der Reise nunSich hier ein Stündchen auszuruhn.
Ich selbstverständlich, schlau und sacht,Gab sehr genau auf alles acht.
Du, Hans, so rief der Oberkranich,Hast heut die Wache, drum ermahn ichDich ernstlich, halt dich stramm und paßGehörig auf, sonst gibt es was.
Bald schlief ein jeder ein und sägte.Hans aber stand und überlegte.
Er nahm sich einen Kieselstein,Erhob ihn mit dem rechten BeinUnd hielt sich auf dem linken nurIn Gleichgewicht und Positur.
Der arme Kerl war schrecklich müd.Erst fiel das linke Augenlid.Das rechte blinzelt zwar noch schwach,Dann aber folgt’s dem andern nach.Er schnarcht sogar. Ich denke schon:Wie wird es dir ergehn, mein Sohn?So denk ich, doch im Augenblick,Als ich es dachte, geht es klick!Der Stein fiel Hänschen auf die Zeh,Das weckt ihn auf, er schreit auweh!
Er schaut sich um, hat mich gewittert,Pfeift, daß es Mark und Bein erschüttert,Und allsogleich im WinkelflugEntschwebt der ganze Heereszug.
Ich rief hurra! und schwang den Hut.Der Vogel der gefiel mir gut.Er lebt auch noch. Schon oft seitherSah man ihn fern am Schwarzen MeerAuf einem Bein auf Posten stehn.
Dies schreibt mein Freund, der Kapitän,Und was er sagt, ist ohne FrageSo wahr, als was ich selber sage.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 277-278, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der kluge Kranich“, Fassung 3.779.724 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
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