Der gütige Wandrer
Wilhelm Busch · 1832–1908
38 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt [1960]
Fing man vorzeiten einen Dieb,Hing man ihn auf mit Schnellbetrieb,Und meinte man, er sei verschieden,Ging man nach Haus und war zufrieden.
Ein Wandrer von der weichen SorteKam einst zu solchem GalgenorteUnd sah, daß oben einer hängt,Dem kürzlich man den Hals verlängt.
Sogleich, als er ihn baumeln sieht,Zerfließt in Tränen sein Gemüt.
Ich will den armen Schelm begraben,Denkt er, sonst fressen ihn die Raben.
Nicht ohne Müh, doch mit Geschick,Klimmt er hinauf und löst den Strick;Und jener, der im Wind geschwebt,Liegt unten, scheinbar unbelebt.
Sieh da, nach Änderung der LageTritt neu die Lebenskraft zutage,So daß der gute DelinquentDie Welt ganz deutlich wiederkennt.
Zärtlich, als wär’s der eigne Vetter,Umarmt er seinen Lebensretter,Nicht einmal, sondern noch einmal,Vor Freude nach so großer Qual.
Mein lieber Mitmensch, sprach der Wandrer,Geh in dich, sei hinfür ein andrer.Zum Anfang für dein neues LebenWerd ich dir jetzt zwei Gulden geben.
Das Geben tat ihm immer wohl.Rasch griff er in sein Kamisol,Wo er zur langen PilgerfahrtDen vollen Säckel aufbewahrt.Er sucht und sucht und fand ihn nicht,Und länger wurde sein Gesicht.Er sucht und suchte, wie ein Narr,Weit wird der Mund, das Auge starr,Bald ist ihm heiß, bald ist ihm kalt.
Der Dieb verschwand im Tannenwald.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Zu guter Letzt. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe in vier Bänden. Band 4, S. 288–289, Vollmer, Wiesbaden u. Berlin, [1960]
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der gütige Wandrer“, Fassung 3.092.526 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Wilhelm Busch starb 1908; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1978 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118517880 der Deutschen Nationalbibliothek.
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