Zu Ida’s Hochzeit
Theodor Fontane · 1819–1898
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Ida! es knüpft manch’ schöne SageSich an dies Wort, aus frühster Zeit,Und bis an’s Ende aller TageLieh ihm Homer Unsterblichkeit.Berg Ida war’s, wo fleiß’ge BienenDen Götterhonig einst gezeugt,Mit dem der Nymphen treues DienenDen Zeus, den jungen, groß gesäugt.
Und Ida war’s, zu dessen FüßenDer schöne Sohn des Priam’s schlief,Als ihn aus Träumen, liebesüßen,Ein Götterstreit in’s Wachen rief;Vor ihm, (Minerven im Geleite)Den Erisapfel in der Hand,Stand Juno, – aber still zur SeiteDie siegessichre Venus stand.
Und Juno sprach: „holdsel’ger Knabe,Du, dem an Schönheit Keiner gleicht,Du sei’s, der diese goldne GabeDer Schönsten von uns Dreien reicht.“Sie sprach’s; und Paris ohne SchwankenNahm hin das Pfand in guter Ruh,Und warf es, anmuthvoll, der schlankenDer meerentstiegnen Venus zu.
So war’s vordem. Jetzt freilich schweigenDie Himmel tiefer wie das Grab,Und keine Götterkinder steigenMehr vom Olymp zu uns herab;Doch guten Klang, traun wie vor Zeiten,Hat immer noch was „Ida“ heißt,Zumal wenn es den EingeweihtenMit süßem Götterhonig speist.
Und immer noch zu Ida’s FüßenStreckt sich manch’ Schäfer auf die Trift,Wenn keine Göttin auch, mit Grüßen,Die blauen Lüfte mehr durchschifft.Die Schäfer unsrer Tage werdenUm den Olymp nicht kalt nicht heiß,Sie reichen ihrem Gott auf Erden,An Ida selber ihren Preis.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 232–234, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zu Ida’s Hochzeit“, Fassung 3.028.010 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.