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Versbuch

Zeus in Mission

Theodor Fontane · 18191898

103 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1905

(Zu Fürst Bismarcks 70. Geburtstag, 1. April 1885)

Und Gott (es war im Spätherbst zweiundsechzig)Trat an sein Himmelsfenster, sah hernieder,Und sah auf Deutschland, das ihm Sorge machteSeit dem Bronzell-Tag und dem Tag von Olmütz.

Er schüttelte den Kopf. Danach begann er:„Das geht nicht länger so. Streit und ZerklüftungLähmt ihm die Kraft, zehrt ihm an Mark und LebenUnd Jeder Dritte, der au fond nicht wert istDem Michel seine Schuhriem’ nur zu lösen,Kräht nicht blos laut auf seinem eignen Miste,Nein, kräht auch über’n Rhein und schlägt die FlügelUnd wirft den rothen Kamm. Ich kenn die Fahne.Das geht nicht länger so. Gewiß, die Deutschen,Sie taugen auch nicht viel die lieben Schlingel,Sind Besserwisser, knurrn und querulieren,Und schreiben Bücher, drin sie mir beweisen:Es sei nicht viel mit mir; im letzten GrundeBestünd’ ich nur durch Compromiß und Gnade.Das predigen sie von Tischen und von BänkenUnd fühlen sich in ihrem TabakshimmelAls Ober-Gott, und wird es dann gemüthlich,So rufen sie mir zu: ‚ich komm’ Dir einen‘;Ich kenne sie, sie haben was Kneipantes,Was Buntbemütztes, rüplig Burschikoses,Sind kindisch, eitel, unbequem-gefühlvoll,Und vieles andre noch, ich weiß, ich weiß es,Und doch, wenn eins zum andern ich erwäge,So sind sie schließlich immer noch die Besten,Die Besten und natürlichsten vor allem,Am meisten frei von Babel und von Sodom.Sie dauern mich. Längst quält mich der Gedanke,Wie schaff’ ich ihnen Zuspruch, Beistand, Hülfe!Vielleicht, daß mir im Gehn und MeditierenEin Ausweg kommt, ein guter Plan, ein Einfall.“

Und solches denkend nahm er Hut und MantelUnd seinen Stab und schritt hinaus ins Freie.

Der Weg war weit, die Straßenflucht ohn’ Ende,Doch endlich kamen Gärten, Park und WieseMit Silberbächen und mit Birkenbrücken,Und jenseits dieser Wiese, hoch gelegen,Erhob ein ältrer Stadttheil sich, halb GhettoHalb Kapitol, ein bunt Gemisch von HüttenUnd Tempeln und Palästen. Die PalästeHöchst vornehm, alles Porphyr, alles Marmor,Und doch mit Holz verschlagen und vergittert,Als wären’s Kerker.Und es waren Kerker.Denn hinter diesen Gitterstäben saßen„Im Altentheil“, so hieß es euphemistisch,Die guten, alten abgesetzten Götter:Neptun und Pluto, Mars, (nur Bachus fehlte)Merkur, Apoll, Vulkan. Und endlich Zeus auch.

Und sieh, an Zeus (er wohnte sichtlich freierUnd ward auf Wort und Handschlag hin behandelt)An Zeus trat jetzt sein Ober-Herr und sagte:„Grüß Gott Dich, Alter. Bringe frohe Botschaft.Ich hoff’ es wenigstens. Wer so, wie Du’ne hübsche Weil’ geherrscht, herrscht gern auch wieder,Still sitzen ist ein Greuel. Ich lieb es auch nicht.So höre denn: ich habe was in Petto,Pack deine Koffer, nimm Dein Inventar,(Specialmission auf unbestimmte Dauer)Nimm Adler, Bündelblitze, Ganymed auch,Und zieh hernieder in mein altes Deutschland,An einen Ort, den Spree-Athen sie nennen,Zum Unterschiede, Du verstehst. Du find’st dortBildwerke viel auf Straßen und auf Plätzen,Athene nicht, auch Venus nicht von Milo,Doch Blücher, York, Schwerin und Keith und Scharnhorst,Den alten Zieten und den alten Fritzen,Den letztern, denk’ ich, kennst Du, – ’s ist derselbeDer hier am Himmel glänzt als „Friedrichs-Ehre.“Nach Deutschland also; hier ist die Bestallung,Du weißt ja, wie man’s macht, räum’ auf gebührlich,Sieh nach dem Rechten, mehre Macht und Ordnung,Wirf alle Feinde nieder, draußen, drinnen,Und wenn Du das gethan hast komme wieder.Dein Schade soll’s nicht sein.“

Und Zeus verneigteSich dankbar ehrfurchtsvoll, und aller UnmuthDer wegen unfreiwilliger A. D-schaftIhn lang gequält, fiel ab von ihm, es wuchsenErsichtlich ihm die Brau’n zu ganzen Büscheln,(Nur höh’r hinauf war Hopf und Malz verloren)Und sieh, mit Adler, Blitz und Ganymed auchZog er hinab, um Groß und Klein’s zu prüfen:Herz, Nieren, Rothwein, Bock und andre Biere.

„Wer kommt denn da?“ so lautete der Willkomm,Der ziemlich nüchtern ihn empfing, fast feindlich.Er aber, seine Vollmacht in der Tasche,Verfuhr programmhaft, schüttelte die Brauen,Die Jovis-Brauen.Ei, das klang wie Donner.Und war’s nicht Donner, waren es Kanonen.

Missunde, Düppel. Hurrah, weiter, weiter:Nußschalen schwimmen auf dem Alsensunde,Hin über Lipa stürmen die Geschwader,Ein Knäul von Freund und Feind. Da seht ihn selber,Der mit dem Helm ist’s und dem Schwefelkragen.Und Spichern, Wörth und Sedan. Weiter, weiter,Und durch’s Triumphthor triumphierend führt erAll Deutschland in das knirschende Paris …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, Seite 347–350, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zeus in Mission“, Fassung 1.771.557 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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